Protokolle

Rückblicke

 

Wintersemester 2017/18

Prof. Christian Reuter (Informatik, Frieden und Sicherheit), Homepage, 15.11.2017

Die Herausforderung:

Wenn es um die Bedeutung der Informationstechnologien für Frieden und Sicherheit geht, dann sieht es zunächst so aus, als ob sich Frieden und Sicherheit gegenseitig bedingen – und dabei wird leicht übersehen, dass sie sich leicht auch gegenseitig in die Quere kommen können.

Aus der Diskussion:

Das Fachgebiet “Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit” ist vielleicht einzigartig in Deutschland, zumal es das große Thema aus der Perspektive der Informationstechnologien angeht – vielleicht, weil sie allen anderen Technologien gemeinsam sind und vielleicht weil sicherheitskritische Momente, aber auch ein vertrauensbildendes Monitoring und die Vernetzung aller beteiligter Akteure auf Informationstechnologien beruhen. Entsprechend facettenreich sind alle Ansätze, denen es nicht nur um Sicherheit im Sinne der Unangreifbarkeit oder defensiven Abschottung von technischen Systemen geht, sondern um den Frieden als ein Verhältnis zwischen Personen oder Staaten. Während es ein wesentliches Interesse ist, in jeder Art von Krisen-, Konflikt- oder Katastrophenlage zivilgesellschaftliche Kontinuität zu wahren und solidarisches Handeln zu ermöglichen, muss es auch darum gehen, dass der kriegerische Katastrophenfall gar nicht erst eintritt. Und während soziale Netzwerke derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, findet die Militarisierung des Cyberspace auch an weniger sichtbaren, darum nicht weniger wichtigen Orten statt. Und schließlich soll die an Frieden und Sicherheit ausgerichtete Forschung auch über Fachkreise hinaus in die Gesellschaft wirken. Alles zusammen würde ein einzelnes Lehrgebiet überfordern, weswegen Akzente gesetzt werden müssen. Betrachtet werden (a) soziale Medien und kollaborative Technologien in Konflikt- und Krisensituationen (z.B. zwischenstaatliche Konflikte in sozialen Medien, Social Bots, Fake News, Manipulation, Terrorismusbekämpfung), (b) IT zur Verhinderung und Austragung von Konflikten (z.B. Attribution, Cyberarms Control, Dual Use Problematik, IT for Peace) und (c) resiliente IT-basierte (kritische) Infrastrukturen (Digitalisierung in der Landwirtschaft, betriebliches Kontinuitätsmanagement, zivilgesellschaftliche Kontinuität und nationale Sicherheit).

Perspektiven:

Es geht um Wissenschaft und Technik für die Verwirklichung gesellschaftlicher Wertsetzungen. Dies ist ein Anliegen nicht nur einer Disziplin, sondern hat Leitbildfunktion für die ganze Universität – was zum Nachdenken über Friedens- und Konfliktforschung auffordert (am 10. Januar im akademischen Viertel).

Dr. Dörte Sternel (Scientific Computing), Homepage, 13.12.2017:

Die Herausforderung:

Im Namen der Gleichberechtigung sollen mehr Frauen in Mint-Fächer und mehr Frauen in Führungspositionen. Quotierung, also „die Hälfte vom Kuchen“, wird als Lösungsweg gehandelt. Verfehlt dieser Ansatz aber nicht das eigentliche Problem – um was für einen Kuchen geht es überhaupt? Und was für ein Kuchen könnte besser schmecken?

Aus der Diskussion:

Es gibt in unserer Gesellschaft keinen Grund mehr warum Frauen nicht in MINT-Fächern arbeiten, also z.B. Ingenieurinnen werden sollten, außer sie wollen es nicht. Trotzdem gibt es nur wenige Ingenieurinnen und die kamen vor Studienbeginn meist gar nicht auf die Idee, dass sie aufgrund ihres Geschlechts ein Problem mit dem Fach haben könnten. -- Auch Grundschullehrer erleben ähnliches: exotisch macht erst der Blick der Anderen und viele wechseln aus Anpassungsgründen ihr Fach. Aber für die Frauen die bleiben: Wie sieht denn der Kuchen aus, insbesondere an den Universitäten? Wer unter heutigen Bedingungen Kinder und einen hochqualifizierten Beruf vereinigen will, sollte das mit jemanden machen der – bzw. die – den Rücken für die Arbeit freihalten kann – gerade im akademischen Bereich. D.h. der Partner oder die Partnerin haben am besten eine Teilzeitstelle. Um mehr Frauen in hochqualifizierte Jobs zu bringen müsste es also mehr Männer in Teilzeitjobs geben, und diese Jobs gibt es eher in den klassischen Frauendomänen. Warum steht in Stellenausschreibungen der TU auch für Sekretariatsstellen, dass die TU den Frauenanteil erhöhen will und warum nicht, dass die TU den Männeranteil in diesen Positionen erhöhen will? -- Wird die Welt eine bessere, wenn die gleiche Arbeit genauso von Frauen gemacht wird wie von Männern? Aber muss es wirklich dieser Kuchen sein, bei dem gehobene Positionen immer mit massiv hohem Arbeitsaufkommen verbunden sind – insbesondere gerade in der Phase vor der Professur, die meist mit der ersten Elternzeit zusammenfällt?

Perspektiven:

Rollenbilder und gesellschaftliche Zuschreibungen lassen sich nur zäh auflösen, auch an der Universität. Damit sich auflösen kann was brüchig ist müssen Gespräche folgen wie der Kuchen schmecken soll und ein anderer – und dann aber – für alle werden kann.

Sommersemester 2017

Kai Ilchmann (Political risk anlysis), Homepage, 26.04.2017

Die Herausforderung:

Politische Risikoanalyse soll Einschätzungen und Bewertungen liefern. Dafür bedarf es eines klaren Wissens um Fakten. Die Zuschreibung von Schuld für die wiederholten und andauernden Einsätze von Chemiewaffen in Syrien erweist sich aber als äußerst schwierig.

Aus der Diskussion:

Chemiewaffen diskriminieren nicht und ihre strategische Wirkung ist nur schwer vorhersehbar. Unter Militärs gelten sie als unzuverlässig und schwierig kalkulierbar. Eine wesentliche Rolle spielen aber auch die internationalen Abmachungen zu Ächtung und Vernichtung von Chemiewaffen, die, von nur ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, weltweit tatsächlich umgesetzt werden. Eine Ausnahme in jüngerer Zeit ist der Einsatz gegen die Zivilbevölkerung in Syrien. Hier erweisen sich die Schwierigkeiten bei der Klärung der Faktenlage: Einerseits die Feststellung 2014, das Abrüstungsprogramm in Syrien sei erfolgreich beendet worden und alle von der syrischen Regierung deklarierten Stoffe vernichtet. Andererseits der offensichtliche Tatbestand, dass es durchaus noch Stoffe gibt. Hier zeigen sich systemische Mängel der Abrüstungsprotokolle die in internationalen Foren verhandelt und implementiert werden. Und während der neuerliche Einsatz von Chemiewaffen in Syrien unumstritten ist, bleibt die Frage nach dem Verursacher bestreitbar. Hier werden Schuldzuweisungen einerseits von den Medien zu unkritisch übernommen, andererseits in den sozialen Netzwerken zu spekulativ diskutiert. Vieleicht müsste auf Schuldzuweisungen ganz verzichtet werden, wenn sich Konfliktparteien auf den Bann solcher Waffen verpflichten sollen.

Perspektiven:

Abrüstungsdiskussionen lassen sich nicht bloß auf eine Technologie, etwa der Chemiewaffen und deren Vernichtung beschränken. Das Zusammenspiel mit anderen Technologien, etwa der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie gesellschaftliche und politische Prozesse, müssen berücksichtigt werden.

Prof. Oliver Tessmann (Architektur, Digitales Gestalten), Homepage, 10.05.2017

Die Herausforderung

Architekten erfinden Formen, Ingenieure berechnen die Statik – dies das Vorurteil, dem “die Kunst des Bauingenieurs“ als eine eigene kreative Praxis begegnet. Beide Disziplinen verwenden bei ihren kreativen Prozesse den Computer nicht mehr nur als Hilfsmittel, sondern als kongenialen Partner im Entwurf.

Aus der Diskussion

Antoni Gaudi und Frei Otto gelten als Architekten, die neue Formen aus Materialeigenschaften und Kraftflüssen ableiten konnten. Dank digitaler Simulation verlagert sich dieser Prozess in den Computer. Darüber hinaus beginnen Roboter Konstruktionen zu erstellen und sind Dank machine learning in der Lage eigene „Entscheidungen” zu treffen. Dabei ist es nicht mehr so, dass der Mensch die Ideen hat und der Roboter diese dann ausführt oder umsetzt. In diesen modularisierten Konstruktionsprozessen erweist sich vielmehr, dass der Roboter die Platzierung von Bauteilen mitbestimmt. Das Bauen wird in den kommenden Jahren durch diese Form der Digitalisierung maßgeblich verändert werden. Probleme, die als “wicked problems” galten, weil ihr Lösungsraum unüberschaubar groß ist, lassen sich mit evolutionären Algorithmen und künstlicher Intelligenz zähmen,

Perspektiven

Die Zähmung der bösartigen Probleme verdankt sich der Modularisierung von Bauelementen einerseits, Modellbildungen und Konstruktionsprozessen andererseits. Über die Möglichkeiten und Grenzen dieses Vorgehens könnten Erfahrungen aus vielen Disziplinen zusammengetragen werden.

Hans-Georg Nolte-Fischer (ehem. Bibliotheksdirektor), Homepage, 24.05.2017

Die Herausforderung:

Das 450jährige Bibliotheksjubiläum erinnert mit beeindruckenden Ausstellungen an die Materialität des Buches – seines Formats, Papiers

oder Drucks. Gleichzeitig hat die ULB ein Notversorgungskonzept entwickelt, weil die Online-Zeitschriften eines großen Verlags gekündigt werden mussten – die allgemeine Verfügbarkeit des Online-Angebots bedarf komplizierter Aushandlungen, um verfügbar zu bleiben.

Aus der Diskussion:

Die Digitalisierung von Publikationen stellt das Gleichgewicht von Eigentumsrechten und Nutzungsrechten vor neue gesellschaftliche und

juristische Herausforderungen. Gerade im wissenschaftlichen Betrieb versuchen Verlage, ihre Geschäftsmodelle aufrecht zu erhalten, indem sie

das Urheberrecht restriktiv auslegen und einen letztlich unrealistischen Umgang mit Texten einfordern. Vermehrt verfolgen Autoren daher alternative

Wege und das Open Access Ideal. Allerdings erfüllen die Verlage wichtige Funktionen und können nicht vollständig durch Open-Access Modelle

ersetzt werden. Deshalb gibt es den Vorschlag, das Urheberrecht für den wissenschaftlichen Betrieb gesondert durch eine pauschale Tantiemen-Vergütung anstelle der gegenwärtigen Einzelpublikationsabrechnung zu vergüten. Die wirtschaftlichen Interessen kleiner und mittlerer Verlage können nicht allein durch das Urheberrecht geschützt werden, sondern durch Kartellrecht und andere Wirtschaftsrechtsformen. Die Unterscheidung von digitalen und gedruckten Publikationen, von Fotokopien und Scans wird aus technischer Perspektive zunehmend irrelevant – und sollte auch für die Vergütung keine wesentliche Rolle mehr spielen. An dieser Stelle sperrt sich der große Verlag jedoch und soll nun durch die Massenkündigung von Online-Zeitschriften unter Druck gesetzt werden.

Perspektive:

Was das Notversorgungskonzept vor allem verdeutlicht: Die verantwortliche Gestaltung wissenschaftlicher Publikationspraxis verbindet Bibliotheksdirektoren und die Autoren im Wissenschaftsbetrieb. Wie kann die Funktion von Verlagen erhalten und (Selbst)Ausbeutung

vermieden werden?

Prof. Tanja Paulitz (Techniksoziologie), Homepage, 07.07.2017

Die Herausforderung:

Der technische Produktionsprozess wird von einem idealtypischen Nutzer aus geplant, und reproduziert damit geschlechtliche Stereotype. Wie lassen sich Produkte verantwortlich und gerecht, also auch genderreflexiv gestalten?

Aus der Diskussion:

Produktgestaltung und Gesellschaft stehen in wechselseitigem Verhältnis. Wenn die optische und funktionale Gestaltung von technischen Produkten, wie am Beispiel von Bohrmaschine und Küchenmixer in einem Designforschungsexperiment, plötzlich umgedreht würde, wäre ihre Produktsprache ganz offensichtlich – beispielsweise zeigt ihre farbliche Kodierung, dass unsere Alltagsgegenstände oft geschlechtlich markiert sind. Wie aber lassen sich Produkte gestalten, ohne dass ihnen Geschlecht eingeschrieben wird? Oder ist das gar nicht gewollt, da Hersteller doch gut verstehen, wie bestimmte Personengruppen von bestimmten Produkten angesprochen werden? Eine aktuell gängige Gestaltungspraxis ist die sog. „I-Methodology“, bei der Entwickler sich selbst als Nutzer sehen. Genderreflexive Gestaltung kann ihren Ausgangspunkt in einem zweiten Verfahren finden, nämlich der szenarienbasierten Softwareentwicklung, die es bereits seit den 1990er Jahren gibt, aber hinsichtlich Gender weiter zu entwickeln ist. Sie stellt nicht den Konsumenten als Person in den Mittelpunkt der Entwicklung, sondern ein Szenario, für das eine Software geschrieben wird. Mögliche Nutzerszenarien werden hierfür durch offene, soziologisch begleitete Erhebungsverfahren ermittelt, wobei die Bandbreite verschiedener Nutzer repräsentiert, mögliche Stereotypen reflektiert und so in Gestaltungsentscheidungen besser vermieden werden können. Der stärkere Einsatz dieser neuen Gestaltungsmethoden setzt allerdings eine Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins, auch seitens der Wissenschaft voraus sowie interdisziplinäre Kooperationen im Gestaltungsprozess.

Perspektiven:

Um das in partizipativen Verfahren enthaltene Veränderungspotenzial nutzbar zu machen, müsste aktuelle sozialwissenschaftliche Forschung stärker in unternehmerischer Produktenwicklung einbezogen werden. Kooperative interdisziplinäre Forschungsprojekte zwischen Ingenieur- und Sozialwissenschaften haben das Potenzial, Vorbilder für integrative Gestaltungsprozesse zu entwickeln, die den Transfer in die unternehmerische Produktentwicklung unterstützen können.

Prof. Susanne Lackner (Umweltingenieurwesen, Abwassertechnik), Homepage, 21.06.2017

Die Herausforderung:

Trinkwasser und Sanitäranlagen stellen überall technische Herausforderungen dar. Aus globaler Perspektive ergibt sich jedoch eine Schieflage zwischen wissenschaftlich-technischem Aufwand und gesellschaftlichem Ertrag.

Aus der Diskussion:

Mit sehr hohem Analyseaufwand und modernster Filtrationstechnik können wir Mikroplastik, Mikroschadstoffe und Keime aus dem Abwasser entfernen. Gleichzeitig sind Gewässer in anderen Teilen der Welt buchstäblich mit Makroplastik zugemüllt. Hierzulande implementieren die Betreiber von Kläranlagen Technologien, die zum Teil übertrieben erscheinen angesichts der Tatsache, dass das Wasser nach Verlassen der Kläranlage manche Stoffe ohnehin wieder aufnehmen wird. Andernorts ist der bloße Zugang zu akzeptablem Trinkwasser ein großes gesellschaftliches und vor allem auch ökonomisches Problem. Für die Forschung ist das nicht nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Auch wenn die Nachfrage nach Filtrationstechnologien im Mikro- und Nanogrammbereich den Bedürfnissen vor allem der Wohlstandsgesellschaften entspricht, finden sich gerade hier besonders interessante wissenschaftlich-technische Forschungsprobleme. Um Ausgleich zu schaffen, müssen auch Forschungsfragen identifiziert werden, die an vorderster Forschungsfront stehen, aber ganz anderen Teilen der Welt zugute kommen.

Perspektiven:

Nicht nur die Abwasserwirtschaft beobachtet unsere modernen Gesellschaften in ihrem Umgang mit Abfall und Müll – deckt dabei Desiderate, Paradoxien, Vergeblichkeiten auf. Hier kommt eine Ingenieurwissenschaft zu sozialwissenschaftlich hoch interessanten Einsichten, die einen systematischeren Austausch verdienten.

Wintersemester 2016/17

Prof. Marcus Müller (Germanistik, Digitale Linguistik) Homepage, 2.11.2016

Die Herausforderung:

Die Sprachwissenschaft ist mit permanentem Sprachwandel konfrontiert – kann sie da noch und soll sie überhaupt unterscheiden zwischen richtigem und falschem Deutsch?

Aus der Diskussion:

“Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto?” Diese Frage – gesprochen an einer Berliner Schule, analysiert in einer Dissertation zum Einfluss migrationsbedingter Kontraktionsvermeidungen unter Städtern ohne Migrationshintergrund – eröffnete die Diskussion. Grammatikalisch inkorrekt, aber verständlich, erfüllt er seine Funktion. Im scheinbaren Chaos lässt sich ein Muster erkennen, vielleicht eine Grammatik außerhalb der Grammatik.

Die germanistische Sprachwissenschaft geht mit dem Sprachwandel um, nimmt den Bestand auf, kategorisiert, deutet, beschreibt. Insofern die Sprache auf einem Regelsystem basiert, soll die Wissenschaft auch Orientierung geben, Standards und Normen setzen, oder den Sprachwandel gelassen nehmen und sprechen lassen, wie gesprochen wird? Die Fehler von heute sind die Regeln von morgen, meint Sprachwissenschaftler Helmut Glück. Schließlich kann die Normierung der Sprache auch ganz andere Wege nehmen, etwa durch das schriftstellerische Wirken von Luther, der Brüder Grimm oder vielleicht Wolfgang Herrndorf, an deren Schriften sich das Lesen und Sprechen schult, wobei diese Autoren zunächst „dem Volk auf das Maul geschaut haben“.

Perspektiven:

Was an der Sprachwissenschaft besonders deutlich wird, gilt auch für viele andere Disziplinen: Kann es bloßes Beschreiben ohne Normierung überhaupt geben? Vielleicht geht es in einer kritischen Wissenschaft eher darum, die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus bestimmen Redeweisen und scheinbar bloßen Beschreibungen ergeben.

Anne Schwob und Andreas Schmidt (Hochschulgruppe Nachhaltigkeit) Homepage, 16.11.2016

Die Herausforderung:

Welche Verantwortung tragen Bildungseinrichtungen, wie die TU Darmstadt, keine Investitionen in fossile Brennstoffe zu tätigen, um soziale und ökologische Folgen des Abbaus dieser Rohstoffe nicht zu unterstützen?

Aus der Diskussion:

Es gibt eine internationale Bewegung, die vor allem darauf zielt, Aktienkapital aus fossilen Brennstofftechnologien abzuziehen und dieses beispielsweise in erneuerbare Energien oder ökologische Bildungsprojekte zu investieren. Die Hochschulgruppe Nachhhaltigkeit möchte zunächst einmal herausfinden, ob dies für die TU Darmstadt relevant ist – international gibt es jedenfalls vorbildhafte Universitäten, die ihr Stiftungskapital umstrukturiert haben. Vielleicht kann und sollte es aber weitergehende Ziele zur Nachhaltigkeit für die TU als Ganze und nicht nur einzelner Forschungsansätze geben. Wie lässt sich hier in einem ersten Schritt größere Transparenz schaffen? Unter welchen Kriterien sollten diese Ziele formuliert werden?

Perspektiven:

Die Idee des Divestments sollte uni-weit von Vertretern unterschiedlicher technologischer Ansätze, von Studierenden und Lehrenden diskutiert werden, um das Für und Wider dieses Projekts abzuwägen. Unter Betrachtung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten können auch erneuerbare Energien problematisch sein, sofern sie beispielsweise von Seltenen Erden abhängen. Auch hier gilt es viele verschiedene Aspekte zu berücksichtigen und diese interdisziplinär auf verschiedenen Ebenen zu diskutieren.

Prof. Mario Kupnik (Elektrotechnik, Mess- und Sensortechnik) Homepage, 30.11.2016

Die Herausforderung:

Die spielerische Kreativität im Labor stößt manchmal an ihre Grenzen, wenn es um Anwendungen geht, die vergleichsweise stereotyp und unoriginell wirken.

Aus der Diskussion:

Mit Ultraschall lässt sich zaubern, insbesondere wenn er wie Lichtstrahlen gebündelt und gerichtet werden kann. Geradezu magisch mutet an, wenn eine Metallkugel im Schallfeld schwebt oder ein Wassertropfen im freien Fall ohne berührt zu werden gestoppt wird, oder wenn Insekten und – durchaus bedenklich – sogar kleine Fische freischwebend im Raum fixiert werden. Diese Grundlagenforschung im Bereich Ultraschall benötigt durchaus noch Zeit bis zu technischen Anwendungen. Weiter vorangeschritten ist die Forschung da schon im Bereich sensorische Anwendungen von Ultraschall. Aber auch dort gibt es noch spannende Aufgaben, wie zum Beispiel Ultraschall als Überwachungsinstrument, um die Lage und Aufenthaltsposition und dadurch den Gesundheitszustand älterer Menschen zu beobachten und zu erfassen. Hier kündigen sich ethische Probleme an, die über die Überwachungsproblematik hinausgehen. Wie kann und soll die Technikentwicklung dem frei spielerischen Geist im Labor gerecht werden?

Perspektiven:

Wenn es auch den Forscher selbst unvorstellbar erscheint, dass etwas funktioniert, unterläuft dies den klassischen Gegensatz von Technik und Magie. Interdisziplinär ließe sich erkunden, was Ingenieure leisten können, damit Nutzer und mündige Bürger aus dem Staunen auch wieder herauskommen.

Prof. Alexandra Karentzos (Mode und Ästhetik) Homepage, 21.12.2016

Die Herausforderung:

Die Modeforschung will das Verhältnis von Mode und Globalisierung kritisch reflektieren, und muss dafür auch das Spannungsfeld von Haute Couture, Kunst und kommerzialisierter Fast Fashion, die die Einkaufsstraßen weltweit prägt, in den Blick nehmen. Die Schwierigkeit dabei ist, den richtigen Abstand zu den unterschiedlichen, bisweilen hoch reflektierten Trends in der Modewelt zu finden.

Aus der Diskussion:

Durch Globalisierung und Migrationsbewegungen werden Moden aus unterschiedlichen Kontexten zusammengeführt und bestehen nebeneinander. Mode ist dabei keineswegs nur vereinheitlichend: Die angeblich weltweiten Trends unterliegen zahlreichen Brechungen. Politische, wirtschaftliche und ästhetische Dimensionen der Mode werden auch von den Modemacher/innen reflektiert. Zu fragen ist, wie die Modeforschung darüber hinaus auf solche Phänomene reagieren und von einem westlich geprägten Modebegriff wegkommen kann. Dabei muss sie aber auch ernst nehmen, wie die Mode jeden von uns in ein hoch komplexes Spiel mit ästhetischen Möglichkeiten einbezieht. Denn über Kleidung werden Körper inszeniert und (geschlechtliche, kulturelle…) Identität kommuniziert.

Perspektiven:

Mode reflektiert auch Technisierungsprozesse, orientiert sich an Nachhaltigkeitsidealen, erprobt intelligente Textilien – das Spiel mit ästhetischen Möglichkeiten könnte auch als Spiel mit technischen Möglichkeiten untersucht werden. Kleidung als tragbare Technologie könnte auch neue Dimensionen der (globalen) Vernetzung schaffen. Mode bildet in diesem Sinne buchstäblich die Schnittstelle.

Prof. Stefan Katzenbeisser (Informatik, Security Engeneering) Homepage, 11.01.2017

Die Herausforderung:

Sicherheitslücken sind nicht nur Probleme, sondern von Geheimdiensten und Kriminellen gleichermaßen nachgefragte Güter. Da es auch bei besserem Software Design immer Sicherheitslücken geben wird, entsteht die Frage des verantwortlichen Umgangs mit dieser Gegebenheit.

Aus der Diskussion:

Schätzungsweise gibt es einen Fehler pro 500 bis 1000 Zeilen eines Programmcodes, der aus Millionen von Zeilen bestehen kann. Selbst wenn diese Fehlerquote geringer würde, entstehen zusätzliche Sicherheitslücken durch die Einbettung in technische Systeme: Wie leicht lassen sich Herzschrittmacher elektronisch manipulieren oder Bankautomaten? Der Tresor muss nicht aufgebrochen werden, wenn über die Software große Auszahlungen verordnet werden. Für den Umgang mit solchen Problemen wird das Prinzip der “responsible disclosure” diskutiert. Wer eine Sicherheitslücke findet, meldet sie erst dem Betreiber, um ihm die Chance zu geben, sie zu reparieren und veröffentlicht sie dann erst. Wissenschaftlich interessant sind ohnehin die wenigsten Sicherheitslücken: die nachträgliche Analyse erweist sie oft als erwartbar und leicht auszubeuten. Dafür entwickeln Sicherheitsforscher große Fantasie für das, was in ganz unterschiedlichen technischen Systemen schief gehen kann. Die Basistechnologie (der Computer) fährt weit auseinanderliegende Technikfelder zusammen.

Perspektive:

IT Privacy and Security ist kein rein technisches Problem und die Verantwortung für Sicherheit kann nicht individuellen Verbrauchern oder Nutzern Überlassen werden sie wollen eine Technik nutzen und können sie nicht ständig kritisch beäugen. Bisher verbürgen sich die Hersteller zumeist nicht für den Schutz von privacy and security. Hier ist die Politik gefragt.

Prof. Reiner Anderl (Datenverarbeitung in der Konstruktion), Homepage, 25.01.2017

Die Herausforderung:

Industrie 4.0 bedeutet die Vernetzung technischer Systeme der gesamten Wertschöpfungskette im Lebenszyklus der Produkte von den Rohstoffen über die Fertigung bis hin zur Wiederverwertung. Daraus ergeben sich neue Sicherheitsanforderungen, insbesondere für die Kommunikation zwischen cyber-physischen Systemen.

Aus der Diskussion:

Anders als bei zurückliegenden “industriellen Revolutionen”, die ihren Namen erst hinterher bekommen haben, bezeichnet der programmatische Begriff “Industrie 4.0” den industriellen Aufbau digitaler Welten zur Steuerung physischer Welten, insbesondere für die Produktion. Dem entsprechend bieten sich grundsätzliche Gestaltungsoptionen. Es muss und soll nicht vorrangig um Automatisierungsprozesse gehen, vielmehr verspricht Industrie 4.0 größere Flexibilität durch neue Steuerungsansätze für die Produktion, die zu einer neuen Stufe der Wertschöpfung führen soll.Damit gehen die Zustandsüberwachung der Produktion, Möglichkeiten der Ferndiagnose und der Fernsteuerung sowie die Objektverfolgung einher. Um der besonders komplexen Sicherheitsproblematik gerecht zu werden, wird die römische Göttin der Fürsorge und der Sicherheit angerufen – IUNO nennt sich das wesentlich auch in Darmstadt beheimatete, vom BMBF geförderte nationale Referenzprojekt für IT-Sicherheit in der Industrie 4.0. In den Vordergrund tritt dabei die Entwicklung einer neuen Sicherheitskultur, die alle Mitarbeiter über alle Unternehmenshierarchieebenen einbezieht.

Perspektive:

IUNO trifft IANUS mit der Frage nach neuen Sicherheits- und Verantwortungskonzepten. So lässt sich IT-Sicherheit nicht an Experten delegieren, sondern bedarf der Umsicht, Erfahrung und Expertise aller am Produktionsprozess Beteiligten. Hierzu werden auch noch Kompetenzfelder und Ausbildungsberufe entstehen, die gerade auch an der TU Darmstadt konzipiert werden könnten.

Eugen Kogon (Politikwissenschaft), weitere Informationen, 08.02.2017

Die Herausforderung:

Um den Problemen der modernen Gesellschaft zu begegnen, bedarf es der Entwicklung einer technischen Intelligenz, um Sachverstand, Interessenskonflikte und Allgemeinwohl zusammenbringen.

Aus der Diskussion:

Nach Eugen Kogon ist in Darmstadt schon eine Straße benannt, sein Diskussionsbeitrag bestand also in einem uns hinterlassenen Buch, das 1976 in zweiter Auflage erschien: Die Stunde der Ingenieure. Berühmt ist Kogon (1903-1987) insbesondere für seine schon 1946 erschienene Analyse des SS-Staats und seines technischen Apparats. 30 Jahre später entsteht ein Bewusstsein insbesondere für die ökologische Krise, gleichzeitig machen es sich Wissenschaft und Technik unter dem Deckmantel einer wertfreien Forschung bequem. Umgekehrt wendet sich die bürgerliche Intelligenz von jeglicher „Technokratie“ ab. Auf der Strecke bleibt dabei eine technische Intelligenz als Bestandteil und Erweiterung der bürgerlichen Intelligenz, die die Kreativität der Ingenieure anerkennt, dabei Technik und technische Forschung als wertbehaftet versteht.

Perspektive:

Kogon wirkt nach und soll interdisziplinäre Lehre an der TU Darmstadt prägen. Die Initiative hierzu von Studierenden kann sich beziehen auf ein Buch aus der gelben Schriftenreihe der TU: Das Maß aller Dinge – Zu Eugen Kogons Begriff der Humanität (2001).

 

Sommersemester 2016

Martin Wagenschein (Physik, Bildungstheorie) weitere Informationen, 20.4.16

Die Herausforderung:

Damit etwas wirklich verstanden wird, muss die Erkenntnis aus dem Alltagsdenken heraus verständlich sein. Wenn jeder ein “Recht auf Verstehen” hat, wie kann die Wissenschaft dem Genüge tun, zumal sie sich ja oft selbst nicht mehr richtig versteht?

Aus der Diskussion:

Wissen ist Macht und dagegen steht das Verstehen als Menschenrecht. So können wir das nachlesen bei Martin Wagenschein, der bis in die 1980er Jahre enorm einflussreich in Darmstadt wirkte und von dort aus den Physikunterricht reformierte (“Verstehen ist Menschenrecht”). Fühlen sich Wissenschaftler zu wohl in ihrer abstrakten Haut oder ist es einfach bequemer im Fachjargon zu reden? Wir sollten uns die Mühe machen, nicht die abstrakten Modelle zu lehren und zu lernen, sondern die Abstraktion selbst aufkommen zu lassen. Wird diese Mühe mit dem Fortschritt der Forschungstechnologien immer größer oder machen Fach- und Museumsdidaktik und die so genannte Wissenschaftskommunikation immer bessere Verstehensangebote? Womöglich ist es aber auch so, dass ein echtes Verstehen gar nicht mehr eingefordert wird, solange alles halbwegs funktioniert.

Perspektiven:

Bei der Forderung nach allgemeiner Verstehbarkeit geht es auch um Demokratie und die Befähigung zur Kritik. Ein Thema für Diskussionen insbesondere mit IANUS und am FiF könnte sein, wie die Wissenschaft beschaffen sein muss, um zur Stärkung der Demokratie beizutragen.

Prof. Katharina Immekus (Architektur – Bildnerisches Gestalten) Homepage, 4.5.16

Die Herausforderung:

“Bildnerisches Gestalten” an einer Technischen Universität kann verdeutlichen, dass Bilder sehen und sie verstehen zu lernen von elementarer Bedeutung nicht nur für Architekten ist.

Aus der Diskussion:

Im bildnerischen Gestalten geht es um die Sensibilisierung der Wahrnehmung und das Finden einer eigenen Bildsprache. Hierbei ist der analoge Übersetzungsprozess (z.B. Zeichnung) wesentlicher Bestandteil künstlerischer Kommunikation. Ein künstlerischer Prozess schliesst in keiner Weise einen technischen Prozess aus, im Gegenteil erforscht und hinterfragt ein künstlerisches Vorgehen die eigenen technischen Mittel immer wieder. Da künstlerisches Vorgehen meist eine direkte Verbindung zur Wirklichkeit hat und von Natur aus immer nach aussergewöhnlichen darstellerischen Mitteln sucht und mit diesen probt, fragt sich warum dieses Vorgehen oft nicht als Forschung anerkannt wird und warum man den Erkenntnisgewinn, der mit analoger Darstellung einher geht, immer wieder verteidigen muss. – Weder ist die Kunst allein für Schönheit noch sind Wissenschaft und Technik vor allem für Wahrheit zuständig. So ist der Linolschnitt auf den ersten Blick ein ziemlich ungeeignetes und technisch überholtes Bildgebungsverfahren. Aber die klare Reduzierung auf Schwarz und Weiß, das Wegschneiden von Material aus der Masse, schulen das Entscheidungsvermögen und den Blick für das Abstrakte und Wesentliche. Wer einen Gegenstand in diesem Medium darstellen kann, hat sich für Grau etwas einfallen lassen müssen und gänzlich anders dokumentiert als ein hoch auflösendes Foto. Was für botanische Bestimmungsbücher und anatomische Atlanten auch heute noch gilt – eine gute Zeichnung erfasst die Charakteristika besser als ein Foto – lässt sich auf die Darstellung von Betonpfeilern übertragen. Im bildnerischen Gestalten findet eine Übersetzungsleistung statt, die Ideen und Wahrnehmungsurteile beinhaltet.

Perspektiven:

In der Arbeit mit und an Bildern lernen wir empfindlich für unsere Umgebung zu werden. Wir lernen genau zu beobachten zu reflektieren und die Bedeutung von etwas zu hinterfragen. Um dies nachvollzuziehen, sollten wir die Di und Mi von 14 bis 18 Uhr geöffnete Galerie des Fachgebietes Bildnerisches Gestalten aufsuchen (L3 01 -- www.bg.architektur.tu-darmstadt.de).

Prof. Dr. Ing. Ahmad-Reza Sadeghi (System Security) Homepage, 18.5.16

Die Herausforderung:

Wer Sicherheit und Privatheit getrennt behandelt, täuscht darüber hinweg, dass Maßnahmen zugunsten von Sicherheit oft auf Kosten der Privatheit gehen und umgekehrt. Nur wer vom engen Zusammenhang dieser Anforderungen ausgeht, kann sie auch miteinander vereinbaren.

Aus der Diskussion:

Sicherheit kann nicht in nachträglicher Absicherung eines Systems bestehen, sondern muss von Anfang an mitgedacht werden (Security by Design). Die vielen Anwendungen und Software-Komponenten auf heutigen Computern – vom Druckertreiber über das E-Mail Programm bis hin zur Datenbank – teilen sich typischerweise die gleiche Hardware, müssen aber isoliert voneinander bleiben, wenn diese sicherheitskritische Operationen durchführen. Greifen zum Beispiel das Infotainment System und das Bremssystem im Auto auf die gleichen Ressourcen (Hardware- und Elektronik-Komponenten, Verbindungen) zu, wäre es fatal, wenn über ein kompromittiertes Infotainment System die Bremsfunktion angegriffen werden kann und das auch über Entfernung, wie man immer wieder auf den Hackerkonferenzen wie Blackhat oder Defcon demonstriert. Die zunehmende Komplexität unserer IT Systeme scheint unvermeidbar, da wir zunehmend von Digitalisierung, Computersystemen und Automatisierung abhängig werden. Komplexe Systeme sind jedoch auch leichter angreifbar, bieten eine größere Angriffsfläche.

Für den Nachweis von Sicherheit kann für Forschungszwecke auch “gehackt” werden. Unabhängige Forscher sollten nach dem Motto “Responsible Disclosure” Produkte auf Sicherheitslücken prüfen: Halten sie ihre behaupteten Sicherheitseigenschaften tatsächlich ein? Da Anwendungen für sich genommen oft gar kein Sicherheitsproblem darstellen (siehe wiederum das Infotainment-System im Auto), wer kümmert sich dann um sie zugunsten der Systemsicherheit?

Perspektive:

Systembedingte Vulnerabilität nimmt auch in anderen Technikfeldern größere Bedeutung an – was können sie voneinander lernen?

Prof. Dr. Gerd Buntkowsky (Chemie) Homepage, 1.6.16

Die Herausforderung:

Mit immer größerer Selbstverständlichkeit werden wissenschaftliche Leistungen gemessen. Dabei gilt aber immer noch zu klären, was die erhobenen Daten eigentlich bedeuten.

Aus der Diskussion:

Zum Ziele einer gerechten Auslese, lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf den Baum!? In Hans Traxlers Cartoon wird diese Aufgabe einem Affen, einem Elefanten, einem Fisch gestellt. Entsteht ein ähnliches Bild, wenn Biologen, Chemiker, Elektroingenieure, Physiker und Philosophen nach der Anzahl der Publikationen oder Zitationen gemessen werden? Um diese Sorge auszuräumen, bedürfte es einer messtheoretischen Grundlegung, die die Szientrometrie nicht überzeugend liefert. Zum Beispiel – bedeutet eine doppelte Anzahl von Zitationen oder Drittmitteln auch die doppelte Qualität der wissenschaftlichen Leistung? Die hiermit verbundene Verzerrung ist als Matthäus Effekt bekannt: “Wer hat, dem wird gegeben” heißt es, weil Reputation selbstverstärkend wirkt. Und wie immer, wo menschliche Leistung nicht nur gemessen, sondern bewertet wird: Die Messkriterien wirken sich auf das Verhalten aus und befördern in der Forschung beispielsweise die Favorisierung schnelllebiger Projektzusammenhänge statt langfristiger Problemorientierung.

Perspektiven:

Wer über disziplinenspezifische Qualitätskriterien nachdenkt, riskiert, dass diese außerhalb der Disziplin keine Wertschätzung erfahren. Dieses Dilemma sollte adressiert, ein Ausweg gefunden werden.

Prof. Dr. Sabine Maasen (Munich Center for Technology and Society) Homepage, 15.6.16

Die Herausforderung:

Alle beteiligen sich an der Exzellenzinitiative – aber es wäre ein Irrtum zu glauben, es ginge dabei nur um den Nachweis, dass diese oder jene Universität eine nach akademischen Kriterien besonders gute Forschung vorweisen kann.

Aus der Diskussion:

Deutsche Universitäten und akademische Forschung sind immer und sowieso schon an hohen Qualitätsansprüchen ausgerichtet. Wenn diese Forschung nun auch noch “exzellent” sein soll, dann geht es um eine besondere Qualität, nämlich um gesellschaftlich relevante Schwerpunktsetzung. Mit der Exzellenzinitiative behauptet die Gesellschaft ihr Mitspracherecht und befindet, was zukunftsweisend ist. Die Relevanzsicherung greift dabei in die Arbeitszusammenhänge an Universitäten ein: Transdiziplinäre Forschung muss nicht etwa allein mit der Zivilgesellschaft, sondern auch mit Politik, Wirtschaft, den Medien kommunizieren. Darüber hinaus soll sie auch noch “verantwortlich” sein, keineswegs nur “ethisch unbedenklich”, sondern integrativ, responsiv und reflexiv. -- Die Spannung zwischen Exzellenz und Relevanz überfordert die neue Generation “Exzellenz”, die mit Zeitverträgen und Zielvereinbarungen immer weitere Kompetenzen entwickeln und Nachweise führen soll.

Perspektiven:

Um sich und ihren Forschern die “Exzellenz” zu ermöglichen, bilden Universitäten zunehmend institutionelle Strukturen heraus, die Argumentationshilfe leisten, Nachweise führen, Absicherung bieten, um die individuellen Forscher zu entlasten. Wie können solche Ansätze aussehen, auch an der TU Darmstadt?

Kai Ruf (Lab³) Homepage, 29.6.16

Die Herausforderung:

Auch angesichts geringer qualifizierten Wissens und schlechter ausgestatteter Labore wird “citizen science” mancherorts für glaubwürdiger und innovativer gehalten als universitäre Forschung.

Aus der Diskussion:

Das Darmstädter Lab³ versteht sich als naturwissenschaftichen Hackerspace und offenen Raum, in dem eine Brücke zwischen Laien und Experten gebaut werden soll. Die Forschung reicht von einfachen Hygieneanalysen des Leitungswassers über Datensammlungen des Landesforstes bis hin zur synthetischen Biologie. Verstanden als Citizen Science soll das Lab³ eine offene Werkstatt für wirklich alle sein und den Zugang zur Forschung ermöglichen – darin steckt ein Bildungsaspekt des Lab³ und so kann es für die Wissenschaft begeistern. Wie schnell jedoch stößt diese Forschung an ethische oder sicherheitstechnische Grenzen? Auch dies ist Teil eines gemeinsamen Lernprozesses. Die von vornherein fest etablierten Regularien und Zugangsbeschränkungen der universitären Forschung erscheinen dagegen autoritär. Darum wird die Forderung laut, dass es für bestimmte Verfahren wie das Genome Editing eines Führerscheins bedürfe, gerade auch für Forscher in den Laboren der Citizen Science.

Perspektiven:

Eine paradoxe Situation zeichnet sich ab, die gegenseitiges Verstehen erfordert: Der sicherheitstechnisch professionell organisierten Forschung fehlt oft die „social robustness“ oder das öffentliche Vertrauen; die Citizen Science von Lab³ ist robust in gesellschaftlichen Wertvorstellungen verankert, und vernachlässigt daher womöglich die eher apparativen Sichherheitsfragen. Darum ist ein engerer Austausch mit Lab³ geplant.

Prof. Birgit Ziegler (Berufspädagogik – Berufsbildungsforschung) Homepage, 13.7.2016

Die Herausforderung:

Es werden große Anstrengungen unternommen, junge Menschen beispielsweise für MINT Fächer zu gewinnen. Sie sind großenteils vergeblich. Die Gründe dafür müssen verstanden, das Vorhaben überdacht werden.

Aus der Diskussion:

Berufsbildungsforschung beschäftigt sich mit Berufswahl sowohl als „professio“ oder Könnerschaft, als auch als „vocatio“ oder sinnstiftende Berufung. Bereits im Kindergartenalter lassen sich erste Berufswünsche ausmachen und gibt es ein Bewusstsein für das Geschlechtstypische von Berufen. Später dann auch für die Schwierigkeit, für das Prestige von Berufen. Werkzeuge zur Visualisierung des eigenen beruflichen Aspirationsfelds ermöglichen einen kritischen Abstand, aus dem heraus eine andere Orientierung vielleicht möglich ist. So oder so sind Berufskonzepte orientierend für die Selbstbildung und ist es gewöhnlich zu spät, mitten im Bildungsprozess um Interesse für MINT-Fächer zu werben. Werden durch derartige Werkzeuge aber auch Vorurteile bestärkt, beispielsweise die Idee, dass die Differenz der Geschlechter wichtig ist.

Perspektiven:

Die frühe Eingrenzung der Berufsfelder bedingt vermutlich auch eine dramatische Unkenntnis um Alternativen – was für Berufe es überhaupt gibt, was sie zu bieten und welche Herausforderungen sie stellen. Dies gilt vielleicht auch für wissenschaftliche Berufe, die sich permanent ändern, deren Berufsbilder geschärft werden müssten.

 

Wintersemester 2015/16

Prof. André Seyfarth (Sportbiomechanik) Homepage, 21.10.2015

Die Herausforderung:

Wenn akademische Forscher Roboter bauen, dann ist das nicht nur Produktentwicklung, dann soll der Roboter auch als Forschungsinstrument dienen. Aber wozu eigentlich ein teurer Roboter, wenn es preiswertere Simulationsprogramme gibt?

Aus der Diskussion:

Im Gegensatz zur Simulation stellt der Roboter ein technisch realisiertes Modell dar, das es ermöglicht seine Schwächen zu sehen, also aus seinen Fehlern zu lernen. Dabei fungiert ein Roboter wie ein Gegenüber für den Menschen – nur im gebauten Modell ist ein Dialog zwischen Technik und menschlichem Körper möglich. So können wir den Roboter auf Stein- oder Holzfußboden laufen lassen, dadurch Bewegungsmuster erfassen und Bewegungen sowohl des Menschen als auch der Maschine analysieren. Im Gegensatz zu anderen Modellen dient der Roboter nicht vor allem dazu, den Menschen zu beschreiben. Im Dialog findet wechelseitige Optimierung statt: Der Mensch lernt, sich beispielsweise an die Anforderungen einer Prothese anzupassen, umgekehrt passt sich die Prothese den Anforderungen des Menschen an. – Die Stärke von Robotern ist, dass sie das tun, was ihnen gesagt wurde. Der Mensch würde nie einfach nur für die Wissenschaft hüpfen. Am geduldigen Roboter hingegen lassen sich derartige Abläufe analysieren.

Perspektiven:

Am Dialog zwischen technischem System und menschlichem Körper sind Probanden beteiligt. Sollen sie nur Versuchsobjekte, können sie auch Nutznießer sein? Welchen Beitrag leisten sie zum Forschungs- und Entwicklungsprozess?

Prof. Günther Rehme (Rechts- und Wirtschaftswissenschaften) Homepage, 4.11.2015

Die Herausforderung:

Manche Studiengänge gelten als ökonomisch unproduktiv und manche Politiker wünschten sich, sie könnten die Studien- und Berufswahl stärker beeinflussen. Das setzt insbesondere die Geisteswissenschaften unter Rechtfertigungsdruck. Muss das so sein?

Aus der Diskussion:

Die vergleichende Untersuchung verschiedener Nationalökonomien verdeutlicht, dass das Bildungsniveau mit gesellschaftlichem Wohlstand zusammenfällt. Auch ein Germanist, der Taxifahrer wird, trägt zum positiven Gesamtbild bei. Dabei gibt es nicht den einen oder anderen richtigen Weg, sondern summieren sich sehr unterschiedliche Berufswege und Karrierepfade. Kann dies wirklich beruhigen? Soll die Politik hierbei auf selbstorganisierende Kräfte vertrauen und den Gestaltungswillen zurückstellen? Die Gesellschaft hat vielleicht doch nur dann richtig investiert, wenn Germanistinnen auch als Germanistinnen Anstellung finden. Andererseits rückt in letzter Zeit insbesondere die Produktivität einer anwachsenden in sich ganz heterogenen “creative class” in den Blick.

Perspektiven:

Statistische Analysen kommen in vielen Fächern vor und stehen immerbunter dem Verdacht, allenfalls Korrelationen, keine Kausalitätenbbenennen zu können. Was ist dennoch ihr Erkenntnisgewinn, inwiefernbproduzieren sie nicht nur vorläufiges Wissen, sondern echte Einsichten?

Prof. Cornelia Koppetsch (Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung) Homepage, 18.11.2015

Die Herausforderung:

Gesellschaftstheorien beziehen sich vor allem auf die je eigene Gesellschaft und werden zumeist in nationalen Zusammenhängen formuliert. Wo bleiben die Theorien, die den Entwicklungen einer globalen Gesellschaft gerecht werden?

Aus der Diskussion:

Für den Bedeutungsverlust von Gesellschaftstheorien in der Soziologie gibt es institutionelle, intellektuelle und kognitive Gründe. Gesellschaftstheorien stiften Identität nach Innen und nach Außen. In ihnen verdichtet sich das Selbstverständnis einer Gesellschaft und sie erlauben es allen gesellschaftlichen Akteuren, sich zu verorten und zu positionieren – sei es in Bezug auf Karl Marx, Max Weber, Georg Simmel, sei es später in Bezug auf Niklas Luhmann, Jürgen Habermas, Theodor Adorno, sei es zuletzt noch in Bezug auf Ulrich Beck, Bruno Latour, Michel Foucault. Für diese Art von Theoriebildung gibt es heute immer weniger Abnehmer. Grundsätzliche Vorbehalte, ob heute überhaupt noch von “der Gesellschaft” gesprochen werden kann oder nur noch von lokaleren, begrenzteren sozialen Prozessen, spielen hier eine Rolle. Wesentlich sind aber auch die damit einhergehenden institutionelle Veränderungen, wenn etwa die Soziologie vor allem unmittelbar relevante Drittmittelforschung generieren soll und damit die Bedeutung kritischer Theoriebildung infrage gestellt wird.

Perspektiven:

Die Herausforderung gilt auch für unsere Auffassungen von der gesellschaftlichen Bedeutung von Wissenschaft und Technik. Die unterschiedliche Verortung akademischer Forschung im Bildungsbürgerland Deutschland und im globalen Innovationswettbewerb wäre ein Thema für eine nächste Diskussion.

Prof. Georg Christoph Lichtenberg (Physik), Homepage, 2.12.2015

Die Herausforderung:

Leidenschaftliche Naturforscher sind neugierig, wie weit sie die Anwendung ihrer Methoden treiben können. Aber sie sollen auch ihre Grenzen eingestehen – aber und um das zu tun, müssen sie womöglich ihre Einstellung grundsätzlich ändern.

Aus der Diskussion:

Lichtenberg stellte einen Traum zur Diskussion, den er 1795 ausgedacht und aufgezeichnet hat angesichts einer zunehmend auch an Lebensprozessen interessierten organischen Chemie. Im Traum stößt die chemische Analyse des ganzen, nur verkleinerten Erdballs aber gleich zweimal an ihre Grenze. Erstens gehen wichtige Informationen verloren – Messung und Bestandsaufnahme greifen ein, verändern den Gegenstand und verhindern somit die Darstellung möglicherweise relevanter Details wie der Kontinente und ihren Bewohnern. Eine andere Grenze chemischer Erkenntnis ergibt sich immer dann, wenn es nicht allein um Zusammensetzung und Struktur eines Stoffs geht, sondern um eine holistische Betrachtung etwa seines Sinnes. Wenn die chemische Analyse eines Buchs seine wesentlichen Eigenschaften verfehlt, warum nicht auch die Analyse des Harnstoffs oder eines Proteins?

Perspektiven:

Lichtenberg bietet noch ein weitergehendes Motto für IANUS, FiF und die TU Darmstadt an: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht“ (aus den Sudelbüchern: J 860).

PD Dr. Gesche Linde (Theologie und Sozialethik), Homepage, 16.12.2015

Die Herausforderung:

Theologie versteht sich sei dem 19. Jahrhundert nicht mehr als gegenstandsbezogene 'Objekt-', sondern als praxisbezogene Reflexions-Wissenschaft. Während die einzelnen Disziplinen der Theologie(n) in Parallele zu entsprechenden 'säkularen' Fächern (z.B. Geschichte, Orientalistik) organisiert sind und insofern als unproblematisch erscheinen, sind die Theologie(n) insgesamt an der staatlichen Universität aus verschiedenen Gründen strittig.

Aus der Diskussion:

Egal wie textkritisch und religionswissenschaftlich theologische Forschung verfährt, ist Theologie “ohne Interesse am Christenturm” undenkbar (Schleiermacher). Juristische, wissenschaftstheoretische, gesellschaftliche Gesichtspunkte werden daher gegen die Theologie ins Feld geführt. Was bleibt, ist die Theologie als Ort der exemplarischen standortgebundenen Reflexion von Werten, Weltanschauungen, handlungsleitenden Überzeugungen. Dabei wird Religion an einer öffentlichen Einrichtung Gegenstand der gesellschaflichen Selbstbeobachtung, säkularisiert sich selbst und wird rechenschaftspflichtig.

Perspektiven:

Ist allein die Theologie weltanschaulich orientiert oder drücken sich – zumeist unreflektiert – auch in der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschung Weltanschauungen aus? Statt ihre Wissenschaftlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, sollte die Theologie vielleicht die implizite Wertorientierung der “wissenschaftlichen” Forschung offenlegen und einer Diskussion zugänglich machen.

Prof. Franziska Lang (Klassische Archäologie), Homepage, 20.1.2016

Die Herausforderung:

Dass eine archäologische Ausgrabung nicht nur dem Erhalt und der Bewahrung gilt, sondern dabei auch manches zerstört, ist leicht einsehbar. Umso mehr hat die Archäologie eine Verantwortung, wie und für wen sie kulturelles Erbe erschafft.

Aus der Diskussion:

Im 19. Jahrhundert wurde die Akropolis in Athen nach klassizistischen Idealvorstellungen ausgegraben. Dafür mussten alle nachklassischen Bauten weichen, die sich in der Zwischenzeit etabliert hatten und heutigen Archäologinnen und Archäologen Auskunft über die nachklassische Kultur und Geschichte Athens geben könnten. Im Nationalsozialismus wurde durch archäologische Forschungen ein expansionistisches Streben untermauert, indem sie z.B. die Ausbreitung germanischer Artefakte untersuchten. Heute kann die Archäologie von Massengräbern die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit unterstützen. Umgekehrt wird archäologische Arbeit durch nationale Vorgaben, touristische und andere wirtschaftliche Interessen eingeschränkt. Und dort, wo Archäologie zur Klärung widerstreitender Ansprüche beitragen könnte (z.B. der Tempelberg in Jerusalem), ist dies keineswegs immer erwünscht. Die brachiale Zerstörung von Kulturdenkmälern durch den IS, der diese als feindliche Alterität klassifiziert, ist leider nicht ungewöhnlich, sondern hat viele historische Vorläufer, etwa während der Kreuzzüge. Archäologie ist also an der Produktion und Konstruktion „kulturellen Erbes“ beteiligt und dadurch auch mit der Politik verflochten.

Perspektiven:

Die Archäologie erweitert die Arbeit der vornehmlich auf Schriftquellen fixierten Geschichtswissenschaft. Das ist besonders spannend für eine Geschichte und Archäologie technischer Artefakte. Dabei gerät zunehmend auch das „immaterielle Weltkulturerbe" in den Blick, also beispielsweise die Erforschung des Wissens und seines Transfers von auch heute sprachlich nicht vollständig fixierten technischen Fertigungsmethoden und Nutzungsweisen durch detaillierte Objektanalysen.

Prof. Dr.-Ing. Stephan Rinderknecht (Mechatronische Systeme im Maschinenbau) Homepage, 3.2.16

Die Herausforderung:

Die Welt aus dem Blick des Technikers ist nicht mehr eng begrenzt. Nicht nur die Muskelkraft des Menschen wird erfasst, sondern auch der Wahrnehmungsapparat und die Steuerung durch das Gehirn. Mit der Erweiterung der technischen Systemgrenzen kommen aber auch neue Fehlerquellen ins Spiel.

Aus der Diskussion:

Schon die Mechatronik stellt eine beträchtliche Erweiterung technischer Systemgrenzen dar. Sie führt Mechanik, Elektronik und Informatik, hat damit auch Kybernetik und Systemtheorie im Gepäck. In einem rückgekoppelten Mensch-Maschine System wirkt der Mensch mit Muskelkraft auf das System ein, kann sich das System sensorisch selbst beobachten, finden zwischen Mensch und Maschine vermittelte Steuerungsprozesse statt. Und doch stoßen diese Systeme an menschliche Grenzen bei der pyschologischen Integration des Systems in das Körperschema. Wie Brille und Kontaktlinse auf unterschiedliche Weise zum Bestandteil unseres erweiterten Körpers werden, so auch der manuell geschaltete oder vollautomatisierte PKW. Wenn die Konstrukteure hierfür Zugang zu den unbewussten Einstellungen brauchen, stellt sich die Frage, ob die menschlichen Reaktionen vor allem als Störgrößen aufgefasst werden, die technisch kompensiert werden müssen.

Perspektiven:

Mit erweiterten Systemgrenzen kommen erweiterte technische Gestaltungsspielräume ins Spiel, in denen sich Ingenieure orientieren müssen. Fordern neue Technologien die Intelligenz und das Verantwortungsbewusstsein ihrer Nutzer oder entlasten sie ihn davon und produzieren nurmehr die Illusion, dass wir am Steuer sitzen?

 

Sommersemester 2015

Prof. Katja Schmitz (Biochemie) Homepage, 22.4.2015

Die Herausforderung:

Wenn die Wanderung von weißen Blutkörperchen gezielt beeinflusst werden könnte, ließen sich gewisse Autoimmunkrankheiten verhindern. Um aber mit den Zellen zu kommunizieren, muss die Kommunikation zwischen den Zellen verstanden werden, müssen Forscher interdisziplinär miteinander kommunizieren können und ihre Ergebnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen. So viele Kommunikationsprobleme, die alle auf einmal gelöst werden müssten.

Aus der Diskussion:

Leukozyten (weiße Blutkörperchen) schütten molekulare Signale aus, die von den Zellen mithilfe von Rezeptoren gleichsam „gerochen“ werden können. Nachdem Körperzellen Chemokine ausschütten und damit ihre “molekularen Hilferufe” senden, kommt mit den Leukozyten eine Art „Feuerwehr“. Durch die Ausschüttung zu vieler dieser molekularen Signale und der Einwanderung zu vieler Leukozyten können im Gewebe allerdings auch „Wasserschäden“ entstehen: So kann es zu chronischen Entzündungen und Überreaktionen des Immunsystems kommen. Die Forschung auf diesem Feld stellt interdisziplinäre Herausforderungen im Verbund von Biologie, Chemie, Materialwissenschaften, Bioinformatik und Maschinenbau. Um sich ein Bild zu machen von dem Problem, um untereinander und mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, können Metaphern eine produktive Rolle spielen. Dabei sind Metaphern aber auch problematisch – wer weiß schon genau, wie weit sie reichen, wann und wie sie in die Irre führen. Metaphern funktionieren vielleicht nur, weil es Selbstähnlichkeiten der Natur gibt, auf die uns die Metaphern allererst hinweisen. Andererseits kann schnell passieren, dass biochemische Komplexität so erscheint als sei sie ganz vertraut und leicht kontrollierbar.

Perspektiven:

Das Darmstädter Projekt einer Schreibschule für Biochemie lenkt die Aufmerksamkeit auf Probleme der Kommunikation. Und warum nicht noch einen Schritt weitergehen und in den Studiengängen eine Auseinandersetzung mit literarischen Texten suchen?

Prof. Chris Biemann (Informatik: Sprachtechnologie) Homepage, 6.5.2015

Die Herausforderung:

Cognitive Computing ist ein neues Paradigma der künstlichen Intelligenz. Programme und Maschinen lernen aus natürlichen Interaktionen und passen sich automatisch an neue Kontexte an. Die Vorteile sind offensichtlich und doch wirken die Möglichkeiten irgendwie unheimlich. Die Angst vor dem Unbekannten fügt sich nicht in technisches Denken über Chancen und Risiken, nicht in ethische Fragen nach Verantwortung.

Aus der Diskussion:

Wenn Maschinen sich immer weiter selbst verbessern, dann folgen sie einer eigenen Dynamik. Ist der Nutzer dann wie der berühmte Frosch im lauwarmen Wasser, das sich langsam erhitzt bis das Wasser kocht? Vielleicht gewöhnen wir uns an Verantwortungsverschiebung und Kompetenzverlust bis unser Arzt eines Tages automatisierte Therapieempfehlungen erhält, ohne die Diagnose selbst nachvollziehen zu können. In einem solchen Fall, wer trägt die Verantwortung für Fehlentscheidungen? Da sich Technik bisher aber nicht selbst entwickelt, sondern gestaltet wird, entscheiden die heutigen Entwickler, welche Rolle der Mensch spielen soll, was genau also delegiert werden sollte an die überlegene Intelligenz der Maschine -- insbesondere bei der Auswertung großer Datensätze. Diese schwierige Gestaltungsaufgabe gehört offenbar in das Pflichtenheften der Technikentwickler.

Perspektiven:

Hier sind nicht nur die Entwickler selbst, sondern auch die Nutzer gefordert. Wie kann der Dialog zwischen ihnen aussehen und welche Rolle spielt hier so etwas wie eine Ethik des Design? Gerade an einer TU sollte dies vielleicht auch Eingang in die Studienpläne finden.

Prof. Nico Blüthgen (ökologische Netzwerke) Homepage, 20.5.2015

Die Herausforderung:

Im Einzelnen ist vieles unklar aber dies scheint unbestritten: Oft sind Ökosysteme akut bedroht, schwindet Biodiversität durch menschlichen Einfluss. Dieser Befund verlangt eigentlich nach Handlung und politisch engagierter Wissenschaft. Warum also folgen derartigem Wissen so selten klare Empfehlungen und konsequentes Handeln?

Aus der Diskussion:

Der allgemeine Befund – der Mensch hat einen gravierenden Einfluss auf Ökosysteme – wird nicht hinterfragt und ist daher auch kein Forschungsgegenstand. Erforscht werden komplexe Systeme in einem relativ kleinen Zeithorizont, wo eindeutige Nachweise kausaler Beziehungen oft schwierig sind. Dass die Planierung eines Waldes die Natur beeinträchtigt, ist geradezu trivial, wissenschaftlich interessant vielmehr das unsichere Wissen bezüglich einzelner Artengruppen, deren Wechselwirkungen, bestimmte Landnutzungskomponenten oder konkrete Auswirkungen des Klimawandels. Zu weitreichenderen Konsequenzen legen die Veröffentlichungen oft nur einen Verdacht nahe. Nachweise von Effekten werden entsprechend der naturwissenschaftlichen Tradition anhand streng definierter statistischer Signifikanzen akzeptiert oder abgelehnt (Wahrscheinlichkeit des Nicht-Zutreffens muss 5% unterschreiten). Unsicherheiten zu Effekten werden herausgearbeitet, die Befunde relativiert. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen daher vor allem die Meinungsunterschiede ökologischer Forscher und der Eindruck, dass sie sich offenbar nicht berufen fühlen, deutliche Empfehlungen auszusprechen oder entschiedenes Handeln einzufordern. Das relative (noch-)Nicht-Wissen der Forscher wird als Nicht-Wissen über die insgesamt unzweifelhaft bedenkliche Problemlage ausgelegt. Dieser Unterschied müsste aber kommuniziert werden.

Perspektiven:

Agnotologie, Nichtwissenskommunikation, black-boxing, Wissenssynthesen – das sind Themen für die ganze Universität und die neuere Wissenschafts- und Technikforschung. Und was können Naturwissenschaftler von Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern lernen, wenn es um die Umsetzung ihrer Befunde in handlungsorientierende Konsequenzen geht?

Prof. Petra Grell (Allgemeine Pädagogik/Medienpädagogik) Homepage, 3.6.2015

Die Herausforderung:

Die Neuen Medien sollen vor allem neu sein, aber jenseits schneller Urteile gilt es wie immer, die Bildungsproblematik erst einmal zu erfassen.

Aus der Diskussion:

Bildungsprozesse benötigen Raum. Dass mit dem Einzug der Neuen Medien und dem Internet nichts mehr gewusst werden muss und soziale Kompetenzen verschwinden – das sind Vorurteile, die diesen Raum verschließen. Dem entsprechend ist Medienpädagogik nicht mehr mit der Frage nach dem Ein- und Ausschalten von befasst, sondern untersucht die vielfältigen Umgangsweisen mit den vielfältigen Informations- und Erfahrungsquellen. Wenn Bildung das Selbst- und Weltverhältnis der Menschen betrifft, wie verändert sich also ihr Selbst- und Welt-Verhältnis zur digitalen Welt durch Neue Medien? Für ihre Bildungsprozesse soll es gerade jungen Menschen möglich sein, den Medienraum als Möglichkeitsraum allumfassend zu erforschen, ihn in ihre Entwicklung in Richtung Mündigkeit einzubeziehen.

Perspektiven:

Bei der Erforschung von Medienräumen sind WissenschaftlerInnen keineswegs unter sich, sondern begegnen den Nutzern mit ihrer Expertise. Die neu entstehenden Forschungsformate verdienen eine eigene Diskussion.

Prof. Stefan Roth (Informatik: Visual Inference) Homepage, 17.6.2015

Die Herausforderung:

Die Veröffentlichung in digitalen pre-print Archiven bedeutet eine Beschleunigung der Publikationspraxis – ist das ein Fortschritt oder Rückschritt für die Wissenschaften?

Aus der Diskussion:

Für die Begutachtung wissenschaftlicher Publikationen gibt es verschiedene Verfahren, die in jeder Disziplin noch variiert und unterschiedlich eingeschätzt werden. Angefangen hat es mit der Briefkultur und es ist erstaunlich, wie schnell sich Entdeckungen, aber auch bloße Gerüchte im 17. und 18. Jahrhundert herumgesprochen haben. Schon die Transactions of the Royal Society hatte eine Art peer review System, das auf die Beglaubigung durch die Mitglieder wissenschaftlicher Akademien setzte. Heute gilt Double-Blind-Review als das beste, weil fairste System – und hat doch viele Probleme. Die Anonymität sei natürlich auch dann gewährleistet, entschied die Conference on Computer Vision and Pattern Recognition (CVPR), wenn Gutachter die Autorschaft im Internet ermitteln können. Diese, der sich wandelnden Publikationskultur geschuldete Entscheidung, wirft neue Fragen auf, wie die Fairness des Begutachtungsprozesses gewährleistet werden kann. Im Gegenzug gibt es die Tendenz, das Verantwortungsgefühl der Gutachter zu stärken, zum Beispiel durch Vergabe von Gutachterpreisen. Die Archivierung von pre-prints auf Internet Plattformen sieht von der Beglaubigung durch peer review ganz ab, dafür handelt es sich um schnell und leicht zugängliche, zitierfähige Publikationen.

Perspektiven:

Science 2.0, citizen science, eine stärker demokratisierte Forschung wird an verschiedenen Stellen gefordert – Exzellenz wird vorausgesetzt, Innovation das Qualitätskriterium. Womöglich könnte es in Zukunft sein, dass nur noch das regulär veröffentlich wird, was auf der Preprint Plattform genügend viele Klicks oder „likes“ erhalten hat. Was spricht dagegen und müsste ein zukünftiges System vor allem den Ansprüchen von NachwuchswissenschaftlerInnen gerecht werden?

Prof. Christoph Hubig (Philosophie) Homepage, 1.7.2015

Die Herausforderung:

Im Austausch mit anderen Wissenschaften, was hat akademische Philosophie zu bieten, wie soll sie auftreten? Philosophie kann vieles heißen, wie grenzt sich akademische Philosophie von Alltagsphilosophie, von philosophischen Großtheorien und Weltanschauungsphilosophien ab?

Aus der Diskussion:

Die Philosophie ist überfordert, wenn sie weltanschauliche Orientierung bieten soll, unterfordert ist sie als akzeptanzbeschaffende Begleitforschung. Nur der kritische Weg steht ihr offen. Sie kann Voraussetzungen und Grenzen ausloten und Forscher mit einem „habt ihr das bedacht?“ konfrontieren. In einem interdisziplinären Projekt zum „ubiquitous computing“ untersucht sie, was Kontextsensitivität oder Adaptivität bedeutet, hinterfragt somit die Strategie von Forschungsansätzen – „wenn du diese Strategie verfolgst, kannst du mit Konsequenzen rechnen, die nicht mit deinen eigenen Ansprüchen oder sittlichen Intuitionen übereinstimmen“. Akademische Philosophie bietet somit die Landkarte, in der sich Forscher orientieren und ein Überlegungsgleichgewicht bewahren können zwischen Forschungsansatz, Sittlichkeit und konkreter Situationsbeurteilung.

Perspektiven:

Inwieweit ist eine in diesem Sinne dienstleistende Philosophie normativ? Mit ihren Fragen prüft sie nicht nur Konsistenz, sondern öffnet auch einen Raum für Alternativen, versteht sich als Anwalt unterdrückter Orientierungen. Was könnte es heißen, alternative Forschungsstrategien für die TU Darmstadt zu identifizieren und somit diskutierbar zu machen?

Prof. Joachim Vogt (Arbeits- und Ingenieurpsychologie) Homepage, 15.7.2015

Die Herausforderung:

Die Diskussion um technische Risiken geht von der fragwürdigen Annahme aus, dass es einerseits technisches, andererseits menschliches Versagen gibt. Der gesellschaftliche Umgang mit Ausnahmesituationen ließe sich verbessern, wenn von menschlicher Kompetenz in solchen Situationen ausgegangen wird.

Aus der Diskussion:

In technischen Systemen wird der Mensch gerne als das schwächste Glied der Kette gesehen – wobei „menschliches Versagen“, Schuld und „Verkettung ungünstiger Umstände“ eine lineare Abfolge von Ereignissen suggeriert. Dagegen steht etwa die „Functional Resonance Analysis Method for modelling complex socio-technical systems“. Hiernach können viele auf den ersten Blick wenig relevante Umstände in Wechselwirkung miteinander eskalieren und zu einem größeren Unfall führen. Wo auf die im Normalbetrieb entwickelte Kompetenz der Menschen vertraut wird, kann ihr Gespür wichtige Hinweise liefern. Zufällig findet eine arbeitspsychologische Untersuchung statt, als im Flughafen ein Feuer auftritt (Vogt & Kastner 2002, Journal of Human Factors and Aerospace Safety 2:1, 87–96). Die physiologischen Messdaten weisen nach, dass die Mitarbeiter erste schwache Signale für das sich anbahnende Unglück unterhalb einer Bewusstseinsschwelle wahrnahmen. Als mit dem Feueralarm Klarheit vorlag, fielen sie gleich in einen professionellen Arbeitsmodus und verhinderten Schlimmeres. Um von der Kompetenz der Mitarbeiter derart profitieren zu können, muss diese ernst genommen werden.

Perspektiven:

Für den klugen Umgang mit neuen Technologien müssen Gefährdungen antizipiert werden. Wie aber kann etwas zukünftig Neues, noch nie Dagewesenes antizipiert werden? Wie kann die Auskunft des Bauchgefühls nutzbar gemacht werden, ohne zu unterstellen, dass es Zeichen aus der Zukunft gibt? Das lässt sich spannend diskutieren.

 

Wintersemester 2014/15

Prof. Florian Müller-Plathe (Theoretische Physikalische Chemie) Homepage, 22.10.2014

Die Herausforderung:

Ergebnisoffene, risikoreiche Forschung ist die Kernaufgabe der Universität und muss sich gegenüber problemlösend planvoller Entwicklungsarbeit behaupten.

Aus der Diskussion:

Forschen wir hier überhaupt? Und wenn nicht, warum doch? Die drei Kernaufgaben der Universität sind ihre Absolventen, die Forschung und ihre Funktion als unabhängige kritische Instanz in der Gesellschaft. Alle drei Aufgaben laufen darauf hinaus, dass Forschung und ihre Ergebnisse als Wert erkannt, geschätzt und gefördert werden. Und alles andere – von der Kinderuni über Internationalität und Interdisziplinarität zum Drittmittelwesen – ist nur Mittel zum Zweck, gar nebensächlich? Ein wichtiges Mittel zum Zweck kann Interdisziplinarität sein, wenn sie einen Beitrag zu risikofreudigen Erkundungen leistet und nicht zum Selbstzweck wird. Und natürlich muss und soll etwa das BMBF problemorientierte Forschung fördern – zielt damit aber an der Universität vorbei. -- Nun ist Modellierung in der theoretischen Chemie die vielleicht letzte große experimentelle Wissenschaft, ist spielerisch offen und bietet im Modell fruchtbare Überraschungen. Könnte es sein, dass ein Physiker oder ein Philosoph ganz andere Forderungen an die Universität richten würde? -- Wenn ein Universitätsprofessor weniger zur Forschung beitragen kann als ein Forschungsgruppenleiter an der ETH oder einem Max Planck Institut, hat das viele Gründe und vielleicht auch gute Gründe. Die persönliche Statistik belegt, dass die wichtigsten Publikationen aus Erstmitteln finanziert wurden. Ab jetzt sollen die eigenen Studierenden die wichtigen Publikationen schreiben und nur ihr Professor kann ihnen den Rücken freihalten.

Perspektiven:

Die jetzige Förderpraxis umkehren! Beispielsweise statt Forschungsgelder für gute Antragsprosa ohne Wertschätzung der Ergebnisse, warum nicht Forschungsgeld auf Vorschuss und danach immer wieder als Belohnung für gute Arbeit.

Prof. Wilhelm Urban (Wasserversorgung und Grundwasserschutz) Homepage, 5.11.2014

Die Herausforderung:

Wie kann die Verknüpfung von Wissenschaft und Technologie mit dem Alltags- und Praxiswissen der Menschen vor Ort und dem Stand der Bildungssysteme so gelingen, dass langfristige Entwicklungen auch nach Projektende gewährleistet sind?

Aus der Diskussion:

Cuve Waters ist ein inter- und transdisziplinäres Forschungsverbundvorhaben des Instituts IWAR der TU Darmstadt und des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen durch innovative Wasserversorgungs- und Entsorgungstechnologien im zentralen Norden Namibias. Das seit 2006 bestehende Projekt soll gerade durch die Beteiligung der namibischen Bevölkerung und Regierung an Entwicklung und Umsetzung der Technologien u.a. einen ersten Schritt raus aus der Armut setzen. Die Anlagen sind z.T. bereits in namibische Hände übergegangen und werden von diesen betrieben. Zentrale Frage sind: Lässt sich mangelnde Erfahrung mit „importierten“ Technologien z.B. durch Institutionalisierung, Ausbildungen in Wartung und Bedienung kompensieren? Ist die Etablierung einer experimentellen Forschung und Entwicklung in dem Land und die Implementierung der Ergebnisse nicht schon per se ein wertvolles Forschungsfeld zur verbesserten Nutzung vorhandener Wasserressourcen?

Perspektiven:

Ein politischer Rahmen muss gesucht werden, der Kompetenzen dauerhaft zusammenführt. Die Projektförderung müsste über das offizielle Projektende hinaus weiterdenken. Damit sind auch die Forscher auf neue Weise gefordert.

Prof. Christian Bischof (Hochschulrechenzentrum und Informatik) Homepage, 19.11.2014

Die Herausforderung:

Um den Hunger nach immer mehr Daten zu stillen, reicht es nicht aus, Speicher- und Prozessierungskapazitäten zu erhöhen.

Aus der Diskussion:

One man`s trash is another man`s treasure? Vielleicht siegt sich die Informatik zu Tode, indem sie immer größere Datenmengen speichern und verarbeiten kann – in ihrem anscheinend unaufhaltsamen Fortschritt aber die Programme von gestern vernachlässigt, die die Daten erzeugt haben und ohne die sie nicht nachvollzogen werden können. Die Forschung setzt auf die zunehmenden Kapazitäten der Hochleistungsrechner (FAZ 3.6.2012 – Die Sehnsucht der Forscher nach den Exaflopss) und verliert dabei aus den Augen, dass Komplexitätssteigerung mit zunehmenden Unsicherheiten verbunden ist. Auf dem Darmstädter Hochleistungsrechner steht prophetisch ein Satz von Lichtenberg: „Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt.“ Bedeutet dies, dass nicht mehr intellektuell nachvollzogen werden kann, wie verlässlich die Daten und ihre Verarbeitung sind? Hier sind auch technische Mittel gefragt, die Archivierung so zu gestalten, dass Validierung möglich bleibt.

Perspektiven:

Von einem „Fourth Paradigm“ ist die Rede (Tony Hey), das an den Universitäten ausführlicher diskutiert werden müsste. Insbesondere für Informatiker bedeutet dies, dass die Frage der sozialen Verantwortung verstärkt in die Lehre integriert werden muss.

Prof. Jochen Monstadt (Raum- und Infrastrukturplanung) Homepage, 3.12.2014

Die Herausforderung:

Wenn Forscher aus reichen Industriestaaten Stadtentwicklungen in relativ armen Ländern untersuchen, gehen zunächst alle davon aus, dass die Defizite dieser Städte benannt und behoben werden müssen. Dabei sollte es um Forschung auf Augenhöhe gehen.

Aus der Diskussion:

Akademische Forschung maßt sich nicht an, mehr zu wissen als es die Akteure vor Ort tun. Sie will vor allem lernen, wie Infrastrukturen entwickelt und in Lebenszusammenhänge integriert werden. Worin liegt dann der gesellschaftliche Beitrag dieser Forschung? Zum Beispiel in den afrikanischen Doktoranden, die nach Darmstadt kommen und das gegenseitige Lernen befördern. Oder in einem besseren Wissen, das fehlgeleitete „Entwicklungshilfen“ verhindern lässt. Es geht also nicht um einengende Handlungskonzepte oder Politikberatung, sondern um Bildung und Forschungsfreiräume, die zur nachhaltigen Entwicklung beitragen können. Die Verabschiedung vom Defizit-Modell führt dazu, afrikanische Städte miteinander zu vergleichen und alle erst einmal als gewöhnliche Städteaufzufassen – die wie alle gewöhnlichen Städte je für sich auch Defizite identifizieren und zu beheben suchen. Ein allgemeines Konzept wie das der „Netzstadt“ kommt dabei womöglich unter die Räder.

Perspektiven:

Verantwortliche Forschung besteht nicht immer darin, sich hilfestellend einmischen zu wollen. Der respektvolle Abstand kann nötige Freiräume schaffen – wobei das Wechselspiel von Abstand und Nähe für jegliche Forschung in den Geistes- und Sozial-, Ingenieur- und Naturwissenschaften austariert werden muss. Ein verbindendes Thema für eine allgemeine Diskussion.

Prof. Michèle Knodt (Vergleichende Analyse politischer Systeme) Homepage, 17.12.2014

Die Herausforderung:

Wenn Forschung in strategischen Zusammenhängen operiert, wie kann sie Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit erlangen?

Aus der Diskussion:

Es gibt noch keine nennenswerte europäische Energieaußenpolitik. Energiepolitisch reden Brasilien, Indien, China und Südafrika mit den einzelnen Mitgliedstaaten oder z.B., den USA. Von europäischer Seite aus werden aber Verhandlungen und Gespräche angestrebt, um eine wichtige Instanz zu werden, aber in umgekehrter Richtung ist das Gesprächsinteresse eher gering. Um hier produktiver arbeiten zu können, würde die Europäische Kommission gerne wissen, wie sie wahrgenommen wird und was die Gespräche befördert oder behindert. In dieses verminte Feld begibt sich das Forschungsprojekt Challenges of European External Energy Governance: Meeting Tiger, Dragon, Lion and Jaguar. Wenn sich die Forschung ihrer Botschafterrolle bewusst ist, kann das zur Objektivierung der Ergebnisse beitragen. Dafür ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Kollegen aus den anderen Ländern wesentlich, gerade weil sie an Grenzen führt: Was heißt “Nachhaltigkeit” und wie hoch wird dieser Wert eingestuft? Ist mit “Energiesicherheit” vor allem Versorgungssicherheit gemeint? Wie lassen sich Wertepluralismus und begriffliche Klarheit verbinden?

Perspektiven:

Ökonomisches Gefälle, kulturelle Differenzen und dabei gegenseitiges Lernen spielen zunehmend eine Rolle in ingenieur- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Die unterschiedlichen Erfahrungen damit an einer TU könnten fruchtbar zusammengeführt werden.

Prof. Franz Fujara (Physik) Homepage, 4.2.2015

Die Herausforderung:

Die einführenden Thesen fordern die Diskussion heraus – um Bildungsbegriffe geht es und das, was die Universität kann und soll: Bologna hat zu einer desaströsen Hochschulentwicklung geführt, über die Humboldt befremdet gewesen wäre. Notwendige Freiräume, unabdingbar für die Persönlichkeitsbildung der Studierenden, gehen verloren. Der Bologna Prozess ist Teil einer Entwicklung, die letztlich die Fähigkeit der Universität verringert, schwierige und drängende Probleme ernsthaft zu bearbeiten.

Aus der Diskussion:

Wer alle Hochschulen in Europa und den USA über einen Kamm scheren will, schafft Bildung à la Bognese. Kann es denn berufsqualifizierende BA Abschlüsse in Deutschland überhaupt geben? Einerseits: Ein BA ist nichts Halbes und nichts Ganzes – unser duales Ausbildungssystem sorgt dafür, dass biologische oder chemische Lehrberufe besser qualifizieren als ein universitärer BA. Andererseits: Der BA könnte doch auch Plattform oder Drehscheibe sein für die Fortsetzung des Studiums anderswo oder in einem anderen Aufbaustudiengang. Und wiederum: Wer einen BA hat, hat schon einmal einen Abschluss und ist wenigstens kein Studienabbrecher, nur weil nicht bis zum MA studiert wird. Aber dies scheint sicher zu sein: Der Bologna Prozess fügt sich in die Ökonomisierungstendenzen der Universitäten – Drittmittelbudgets und Zertifizierungswahn, Innovation und Exzellenz, Ausbildung für die knowledge economy. Ist dies eine unausweichliche Entwicklung? Die “alte” Universität war für den ausgesuchten Kreis derjenigen, die sich mit den Bildungsangeboten selbst qualifizieren und profilieren konnten. Der Zugang zur Universität hat sich seither geöffnet und das Selbststudium ist nicht mehr Normalfall.

Perspektiven:

Beides ist möglich – Reform der Reform und die Erkundung verbleibender Spielräume. Es lohnt sich, auch hier einmal best practices zusammenstellen: Wie bahnen sich Studierende eigenwillige Bildungswege an der TU Darmstadt? Und was leisten Hochschullehrer – z.B. ein Franz Fujara – um Selbststudium und Querdenken zu befördern?

 

Sommersemester 2014

Prof. Ariel Auslender (Architektur/Plastisches Gestalten) Homepage, 23.4.2014

Die Herausforderung:

Die Zusammenarbeit mit einem Künstler bei der Suche nach einer technisch-architektonischen Problemlösung konfrontiert alle Beteiligten mit neuen Fragen.

Aus der Diskussion:

„Instant Homes ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Fachbereiche Chemie, Architektur und Maschinenbau. Das Ziel: Eine faltbare Notunterkunft aus Papier, die stabil, wetterfest, einfach aufzubauen und gleichzeitig wohnlich ist. Die Papierhäuser sollen Menschen nach Katastrophen ein Gefühl von Struktur und Ordnung zurückgeben.“ So stand es in der hoch3. Es ist vor allem der Künstler, der in Katastrophengebieten und Flüchtlingslagern nicht nur praktische und technische Anforderungen sieht, sondern das ästhetische Problem, Menschen jenseits des Chaos einen Ort der Ruhe und Sicherheit zu bieten. Damit ist es dann nicht mehr nur die Hand, die im kreativen Prozess „so geht das nicht“ sagt, sondern sind es jetzt auch Ingenieure, Materialforscher, Hilfsorganisationen die „so geht das aber nicht“ sagen. Das Papierhaus als soziale Skulptur ist erst dann fertig, wenn der Künstler damit zufrieden ist, aber auch wenn die Probleme des Materials, der Konstruktion, der Kosten gelöst sind.

Perspektiven:

Welche Wertvorstellungen können und sollen in Gestaltungsprozessen berücksichtigt werden? Und warum ist es wichtig, über rein technische Problemdefinitionen hinauszugehen? Dafür bietet diese Zusammenarbeit ein wichtiges Fallbeispiel, das sich auch kontrovers diskutieren lässt. Warum Ecken und Kanten und Linien und nicht weich hügelige, der Landschaft angepasste Formen? Die weitere Entwicklung des Papierhauses sollten wir also im Blick behalten.

Dr. Jürgen Gerl (GSI/Gammaspektroskopie) Homepage, 7.5.2014

Die Herausforderung:

Auch Grundlagenforschung soll innovativ zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen. Bei der Übersetzung in den Anwendungszusammenhang werden die Forscher aber allein gelassen.

Aus der Diskussion:

Die Bundeswehr und die International Atomic Energy Agency haben Interesse und fördern die Gammaspektroskopie. Sie ist eine Art Kamera, die in den Erdboden hineinsehen und dort die Formen metallischer Gegenstände erkennen kann. Eine hi-tech Lösung vielleicht für das langsame und gefährliche Geschäft der Minensuche (siehe Seite 24 in dieser Ausgabe der hoch3). Aber kein Forscher kann die Anwendung seiner Techniken allein zur Nutzung bringen – dazu braucht es eines interdisziplinären Wissens, zum Beispiel um die gewachsenen Strukturen, die durch neue Technologien womöglich zerstört werden. Oder um lo-tech Alternativen. Wie hoch sollte die Frustrationstoleranz von Forschern sein, damit sie bei der Anwendung ihrer esoterischen Untersuchungen den einen gelegentlichen Treffer erzielen? Oder sollten sie als akademische Forscher den Anspruch ganz von sich weisen, überhaupt etwas bis zur Anwendung entwickeln zu können?

Perspektiven:

Die Geschichte von Gammaspektroskopie und ihrer Anwendung für die Landminendetektion verschafft Einblick in ein größeres Problem: Schlüsseltechnologien sollen die Lösung der allermeisten Probleme ermöglichen – aber dabei wird das Problem der gegenseitigen Anpassung von technischen Problemlösungsangeboten und gesellschaftlichen Erwartungen unterschätzt. Stattdessen wird die falsche Erwartung geschürt, dass die Probleme mit den Problemlösungen auch schon gelöst sind.

Freies Thema: Corporate Design und Universität? – 21.5.2014

Die Herausforderung:

Wie lassen sich die Ansprüche verbinden von Universität und akademischer Forschung und Lehre einerseits, ästhetischem Auftritt, Markenzeichen und Wirkmacht einer Hochschule andererseits?

Aus der Diskussion:

Unser Gast war Maureen Belaski aus München, die die Plakate für das akademische Viertel gestaltet und sich in ihrer Arbeit ganz unterschiedlich mit Fragen des „corporate design“ auseinandersetzt. Identität äußert sich in Design, Kommunikation und Verhalten – und je profilierter die Identität einer Person oder einer Einrichtung, desto weniger Energie muss auf ihre Erzeugung verwendet werden. So kann sich corporate design bezahlt machen: Erst ist es wie ein Korsett, das auch noch die Kaffeetasse mit einem Briefkopf versieht, dann ist es so erkennbar und etabliert, dass es zum freien Umgang einlädt – und so löst sich der Konflikt zwischen Universität als grüner Wiese für Kreativität und der scheinbaren Uniformität des corporate design. Ein anderer Konflikt scheint weniger leicht zu lösen: Forscher an einer Universität haben viele Identitäten, sie sind nicht nur Angehörige einer Universität, sondern verbünden sich in internationalen Projektzusammenhängen, sind Mitglieder von Akademien, organisieren Tagungen für wissenschaftliche Gesellschaften – muss ein „corporate design“ sein ästhetisches und institutionelles Vorrecht reklamieren und die Identität der Einrichtung in Konkurrenz setzen zu den anderen?

Perspektiven:

Wird Kreativität eigentlich durch corporate design-Vorgaben beschränkt oder durch die Fantasielosigkeit in den Köpfen ihrer Nutzer? Sind Lesbarkeit und demokratische Kommunikation – Tugenden der Wissenschaft, die ohne gutes Design nicht auskommen? Für diese Fragen muss die Diskussion fortgesetzt werden.

Prof. Kay Hamacher (computational biology and simulation) Homepage, 4.6.2014

Die Herausforderung:

Insbesondere in der Gesellschaft, aber auch in der Wissenschaft – wie können wir der gefährlichen Neigung widerstehen, voreilig von Korrelationen auf Kausalität zu schließen?

Aus der Diskussion:

Die Evolutionstheorie hat der Forschung eine vorbildlich vorsichtige, vielleicht konservative Haltung auferlegt: Auch wo es Phänomene wie Ko-Evolution gibt – der Schnabel eines Bestäubers und die Blütenform verändern sich gleichzeitig und scheinen sich aneinander anzupassen – geht das evolutionsbiologische Denken nicht von unmittelbarer Verursachung aus, sondern postuliert einen graduellen Selektionsprozess. Vorbildlich ist diese Haltung, weil Forscher, Gesellschaft, Politik dazu neigen, die Interpretation statistischer Daten nach ihren Vorannahmen auszurichten und vorschnell kausal zu interpretieren. Insbesondere in gesellschaftlichen Zusammenhängen fehlt das statistische Grundwissen, um sich selbst vor den gröbsten Fehldeutungen zu schützen. Hier sind Grundkompetenzen umso wichtiger, weil politische Entscheidungen und gesellschaftliche Reformen selten auf nachgewiesenen Kausalzusammenhängen, oft aber auf der Präsentation statistischer Daten beruhen. Die beste Devise lautet vielleicht „Man kann nie konservativ genug sein“, also möglichst zurückhaltend und mit Demut gegenüber all dem Nichtwissen, das noch im vorliegenden Wissen steckt. Aber wie konservativ soll die Wissenschaft sein, wenn es andererseits darum geht, starke Thesen zu formulieren und dann empirisch zu überprüfen?

Perspektiven:

Die Vermittlung von grundlegendem Wissen über statistische Verfahren müsste stärker in der Lehre verankert sein – Logik und die Methodenlehre der Hypothesenprüfung ergänzt um Wahrscheinlichkeitstheorie, statistische Verfahren und Umgangsweisen mit immer größeren Datenmengen. Interdisziplinäre Seminare würden dem fachübergreifenden Auftauchen des Problems gerecht, könnten es aus mathematischer, erkenntnistheoretischer und rhetorischer Perspektive betrachten.

Prof. Petra Gehring (Philosophie) Homepage, 18.6.2014

Die Herausforderung:

Im Arbeitszusammenhang einer technischen Universität ist die traditionell solitär arbeitende Philosophie gefordert, sich die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Verbundforschung zu stellen.

Aus der Diskussion:

Auch in ihren Studierstuben sind Philosophen nicht allein, sondern im Gespräch mit lebenden und toten Vor- und Mitdenkern, dabei durchaus unfriedlich und streitbar. Was hierbei eher keine Rolle spielt ist räumliche Nähe und Kooperation. Gemeinsam vor Ort zu sein und dabei in unterschiedlichen Projektformaten zu kooperieren, das ist insbesondere eine Darmstädter Erfahrung. Dass der persönliche Zusammenhalt und die Verbindlichkeit der Arbeitsformen für gute und langlebige Verbundforschung entscheidend sind, zeigt sich hier. Das kann dann auch großformatig geförderte Forschung mit kleineren, finanziell unabhängigen Formaten gemeinsam haben. Hier muss es kein Entweder/Oder geben.

Perspektiven:

Abgesehen von einer Erforschung räumlicher Konstellationen, Laborarchitekturen und Campusanlagen, ist die Frage nach den organisatorischen Bedingungen interessant, unter denen Forscherverbünde langfristig produktiv sind. Bedarf es hierfür fester äußerer Vorgaben (workpackages, milestones, regelmäßig terminierte Gesprächsrunden) oder vor allem gemeinschaftlicher Publikationsvorhaben?

Prof. Udo Schwalke (Halbleitertechnik) Homepage, 16.7.2014

Die Herausforderung:

Wie kann universitäre Forschung ihrer Verpflichtung auf technischen und gesellschaftlichen Fortschritt gerecht bleiben?

Aus der Diskussion:

Beispiel Halbeitertechnik. Halbleiter sind der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts geworden, dem Öl vergleichbar und mit einem höheren Marktanteil als Stahl – auch dank der folgenreichen Gründung eines Instituts für Halbleitertechnik in Darmstadt. Hier ist Fortschritt leicht quantifizierbar in Bezug auf Leistung und Energieeffizienz. Aber gerade in einer Phase des Umbruchs (wird Graphen das Silizium ablösen? werden Länder wie Südkorea die technische Führungsrolle übernehmen?) verabschieden sich auch Technische Universitäten aus der Entwicklungsarbeit. Möglich ist, dass die Anforderungen dafür über die Möglichkeiten einer öffentlichen Forschungseinrichtung hinausgewachsen sind. Allein angesichts der informationstechnischen Macht-, Interessens-, Spionage- und Überwachungsfragen und der auch für Hardware diesbezüglich schwierigen Verifikationsproblematik, müssen nicht nur Herstellungskompetenzen erhalten bleiben, sondern auch “best practices” und Standards für innovative Produktentwicklung etabliert und vorgelebt werden.

Perspektiven:

Aufmerksamkeit bedarf ein Paradox der Drittmittelorientierung – einerseits soll sich akademische Forschung einbringen, gerade auch um industriell relevante Beiträge zu leisten, und wird dabei andererseits aufs Glatteis geführt und in Gefilde, in der sich industrielle Forschung effektiver betätigt.

 

Wintersemester 2013/14

Prof. Wolfram Jaegermann (Materialwissenschaften/Energy Center) Homepage, 30.10.2013

Die Herausforderung:

Die technologischen Voraussetzungen zur erfolgreichen und gesellschaftlich akzeptierbaren Umsetzung der Energiewende sind noch nicht vorhanden. Hierzu bedarf es einer sachgemäßen Strukturierung von Entscheidungsprozessen, die die Gestaltung und Optimierung der jeweiligen Energiesysteme im ganzheitlichen Zusammenhang der Energiewende vorurteilsfrei an öffentlichen Interessen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen orientiert.

Aus der Diskussion:

Das Problem einer gesellschaftlich akzeptablen Umsetzung der Energiewende ist ganz offenbar kein rein technisches Problem. Die Gesellschaftswissenschaften sind gefordert, stehen aber ihrerseits vor der Herausforderung, die wirtschaftlichen und politischen Partikularinteressen durch eine Analyse der Rahmenbedingungen zu überwinden, um ein sachgerechtes, vorurteilsfreies Forschen und Handeln zu ermöglichen. Wie lässt sich jedoch das öffentliche Interessen ermitteln und in Zielgrößen ausdrücken? Ein Vorschlag hierzu wäre, die holistische Betrachtungsweise der Energiewende als gesamtgesellschaftliches Projekt mit einem kybernetischen Ansatz zu kombinieren, durch den kontinuierliches Feedback in den Gestaltungsprozess integriert werden kann.

Perspektiven:

Dem Anliegen des Energy Centers entsprechend wäre ein wichtiger erster Schritt, die Forscher der TU fachbereichsübergreifend intensiver ins Gespräch zu bringen. Insofern ein holistischer Ansatz nur interdisziplinär zu bewältigen ist, ist die Forschungsförderung insbesondere experimenteller Formate nicht ausreichend. An der TU Darmstadt könnte der Campus Lichtwiese, die Stadt Darmstadt oder auch ganz Deutschland als „Reallabor“ für gesellschaftliche Experimente mit unterschiedlichen Energiesystemen betrachtet werden.

Freies Thema: Was ist oder was wäre eine nachhaltige Universität? – 13.11.2013

Die Herausforderung:

Könnte sich eine Universität wie die TU Darmstadt dem Gedanken der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit so weitgehend verschreiben, dass sie diesen Gedanken nicht nur in Forschung und Lehre inhaltlich aufnimmt, sondern als Ganze nachhaltig „lebt“ und wirkt?

Aus der Diskussion:

Ausgangspunkt für die Diskussion ist die von den USA ausgehende „sustainable universities“ Bewegung. Sie ist der Persönlichkeitsbildung gewidmet und sieht die Universität als ein Experimentierfeld zur Entwicklung nachhaltiger Lebensweisen, also als „Inkubator“ nicht nur für Innovation, sondern auch für gesellschaftlich orientierte citizen-scientists. Die nachhaltige Universität verankert ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit tief im Curriculum, so dass alle Studierenden Lehrveranstaltungen besuchen, wie sie hier etwa die interdisziplinären Studienschwerpunkte anbieten. Darüber hinaus ist sie modellhaft in Bezug auf Stoffströme, Energieeffizienz, Recycling auf dem Campus. Sie fördert politisches Engagement von Hochschulgruppen und Lehrenden (zum Beispiel, Anrechnung von Politikberatung als wissenschaftliche Leistung), sie trägt aktiv zur nachhaltigen Entwicklung von Stadt und Bundesland bei, sie übt Transparenz auch bezüglich ihrer Investitionen und entwickelt inneruniversitär angemessene demokratische Verfahren.

Gegen dieses Modell lässt sich geltend machen die Idee der Universität als einer kritischen Instanz, die Innovationen auf die Vielzahl ihrer gesellschaftlichen Bezüge hin analysiert und sich auch nicht unkritisch einer Nachhaltigkeits- oder Effizienzrhetorik verschreibt. Und gegen beide Modelle steht die heutige Wirklichkeit, wonach sich die meisten Universitäten vor allem als administrative Einheiten und nicht als Vorreiter gesellschaftlicher Entwicklungen verstehen.

Perspektiven:

Ob „Nachhaltigkeit“ die richtige Überschrift bietet für die Selbstreflexion der Universität als gestaltende gesellschaftliche Kraft, ist eine offene Frage. Im Rahmen des akademischen Viertels wird das Problem des Orts und der Bestimmung der Universitäten aber gewiss immer wieder auftauchen.

Prof. Ralph Bruder (Arbeitswissenschaft) Homepage, 27.11.2013

Die Herausforderung:

Laut politischem Konsens soll es in Deutschland nicht nur Arbeitsplätze sondern vor allem „gute Arbeit“ geben. Aber kann es dann sein, dass Arbeitsforschung die Technikentwicklung nur begleitet und gegebenenfalls Anpassungsmaßnahmen vorschlägt, oder müsste sie nicht eigenständig die Rahmenbedingungen für gute Arbeit erforschen, an der sich die Entwicklung neuer Technologien oder „Industrie 4.0“ orientiert?

Aus der Diskussion:

Die Forderung nach einer eigenständigen Arbeitsforschung wurde kürzlich in den Eschborner Thesen zur Arbeitsforschung formuliert. Arbeit ist sinnstiftend und soll daher gute Arbeit sei, aber dieser Begriff hat viele Bedeutungen – gute Arbeit wird fair entlohnt, sie ist ergonomisch einwandfrei, sie findet das richtige Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung und Arbeitgeberverantwortung . Während sich für gewisse körperliche Belastungen allgemeine Grenzwerte angeben lassen, gibt es Aspekte der Zumutbarkeit, die das Individuum in seinem gesellschaftlichen Zusammenhang betreffen. Aber auch in der These, Arbeit sei sinnstiftend, stecken Vorannahmen, die hinterfragt werden müssen: Bedeutet größere Produktivität ein besseres Leben? Warum soll es eigentlich nicht gut sein, wenn der Mensch nicht arbeiten müsste, um seinen bloßen Lebenserhalt zu sichern?

Perspektiven:

Wie kann auch eine interdisziplinäre Arbeitsforschung diesen Fragen in ihrer Breite und Tiefe nachgehen – und andererseits die vom Betriebsverfassungsgesetz geforderte Orientierung bieten? Hier ist Neugier entstanden auch in Bezug auf die Geschichte der Arbeitsforschung. Für den Arbeitswissenschaftler Ralph Bruder besteht eine ganz andersartige Perspektive darin, Verantwortung zu übernehmen für Fragen der Arbeit und der Arbeitsplätze beispielsweise an der TU Darmstadt.

Freies Thema: Sind Drohnen autonom handelnde Waffensysteme? – 11.12.2013

Die Herausforderung:

Im Zusammenhang mit dem Einsatz von Drohnen zur Kriegsführung wird gerne von „autonomer“ Kriegsführung gesprochen. Ist es richtig, der scheinbaren Verselbständigung von technischen Prozessen solche Zugeständnisse zu machen?

Aus der Diskussion:

Cyberwar und Drohnenkrieg bedeuten manchen, dass sich der Charakter des Kriegs wesentlich verändert, weil Technik nun gewissermaßen „eigenständig“ handeln kann, den Angriff selbst in die Hand nimmt, so dass für konkrete Schäden und Tötungshandlungen kein einzelner Mensch mehr verantwortlich ist, der am Abzug sitzt oder einen Knopf drückt. Aber ist es überhaupt sinnvoll, so zu reden? Philosophen würden das bestreiten – der Unterschied ist zu groß zwischen „automatisierten Prozessen“ und „autonomem Handeln“. Und selbst wenn es sinnvoll wäre, verschleiert diese Redeweise die Verantwortung von Entwicklern und Nutzern der Technologie? Und verschleiert sie vor allem den Sachverhalt, dass Krieg zunehmend nicht mehr als militärischer und territorialer Ausnahmezustand diskutiert wird, sondern als Bedingung des Friedens – Drohnen und Cyberwar scheinen „nicht-aggressive“ Mittel zu sein, die der Konfliktvermeidung dienen und der Friedenserzwingung? Vielleicht bedeuten diese Technologien nicht so sehr eine neue Qualität der Kriegsführung, sondern werden nur darum bedeutsam, weil sich politisch das Verhältnis von Krieg und Frieden ändert?

Perspektiven:

Auch wer dem Cyberwar, dem Drohnenkrieg und anderen Ergebnissen schlüsseltechnologischer Forschung kritisch gegenübersteht, neigt manchmal dazu, die Bedeutung der Technik zu überschätzen. Auch bei unseren kritischen Diskussionen entsteht also eine Herausforderung an begriffspolitische Verantwortung.

Prof. Felicitas Pfeifer (Biologie, Mikrobiologie und Archaea) Homepage, 15.1.2014

Die Herausforderung:

Was bedeutet es, dass die genetische Vielfalt von Mikroorganismen untersucht und genutzt werden kann, ohne die Mikroorganismen selbst dabei in den Blick nehmen zu müssen?

Aus der Diskussion:

Schon seit langem befindet sich die Biologie im Wandel. Naturhistorische, botanische, zoologische oder mikrobiologische Interessen werden im Forschungsbetrieb von molekularbiologischen und gentechnischen Ansätzen ergänzt. Auch wenn bisher nur weniger als 1% aller Mikroorganismen im Labor kultiviert werden können, lassen sich die Genome der restlichen 99% aus aufgefundenen DNA Sequenzen erschließen und können mit Hilfe der Metagenomanalyse Hypothesen über ihre Funktionen aufgestellt werden. Nur für die Prüfung dieser Hypothesen bedarf es zumindest bisher noch der Kultivierung im Labor entweder des Mikroorganismus oder bei katalytischen Proteinen eines Reaktionsgefäßes, an dem sich Funktionen beobachten lassen. Gegenüber dem klassischen Biologieverständnis, wonach Forscher Organismen aufsuchen, um dann ihre Eigenschaften zu studieren, geht es hier vornehmlich um einzelne Gene oder Gengruppen, die unter Auslassung des Organismus interessante Funktionen codieren. – Arbeitet die Biologie auf diese Weise militärischen Forschungsinteressen zu? Wie wichtig bleiben evolutionsgeschichtliche Gesichtspunkte, die durch die Entdeckung mikrobiologischer Vielfalt eine enorme Erweiterung erfahren haben? Und welche Auswirkungen hat dies ganz allgemein auf unser Verständnis biologischer Vielfalt, unsere Wertschätzung evolutionär herausgebildeter Organismen?

Perspektiven:

Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung im Auge zu behalten – einerseits mit Blick auf immer wieder für die Grundlagenforschung interessante Ergebnisse, andererseits mit Blick auf Bioinformatik und synthetische Biologie und die Frage, ob es eines Tages möglich und praktisch sein wird, gewünschte Funktionalitäten durch die gezielte Synthese von nicht schon aufgefundenen Genen zu erzielen. Werden rein morphologische oder physiologische Analysen jemals ohne ein entwicklungsgeschichtliches Verständnis auskommen können?

Dr. Manfred Efinger (Kanzler der TU Darmstadt), Homepage, 29.1.2014

Die Herausforderung:

Die Autonomie der TU Darmstadt stellt dauerhaft eine Herausforderung an die Hochschule und ihren Lehr- und Forschungsbetrieb dar. Aus der Sicht des Kanzlers und Haushaltsbeauftragten: Haben wir schon gelernt, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen in allen Bereichen des universitären Lebens?

Aus der Diskussion:

Wenn Entscheidungen nicht mehr in irgendeinem Ministerium getroffen werden, ist die Universität als Betrieb anders verfasst, wird Eigenverantwortung und Solidarität noch wichtiger. Eine weitreichende Dezentralisierung ist daher Chance und Risiko zugleich, kann im Personalbereich zu schwierigen Gratwanderungen führen. Ein Kanzler mit Hintergrund in der Friedens- und Konfliktforschung beobachtet dabei, wie und wo Konflikte ausgetragen werden – ließen sich Differenzen auf Fachbereichsebene offener austragen, lassen sich im Gegenzug überholte Feindbilder vermeiden (“das Präsidium”/„die Verwaltung“)? Im Finanzbereich verbinden sich mit der Ausgestaltung der MIR-Formel unterschiedliche Entwicklungsdynamiken: einerseits muss ein Zaun gebaut werden um ungeschützte Fächer und Studienschwerpunkte, andererseits besteht bei manchen der Eindruck, dass Drittmitteleinwerbung zu einem dominierenden Faktor geworden ist.

Perspektiven:

Im Energiebereich ist die gesamte TU Darmstadt auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz: Wie vollständig kann dieses Ziel erreicht werden? Offen ist auch, wie sich das Engagement der Universität zu Urheberrechtsfragen auswirkt insbesondere bei dem Ausgleich zwischen Autorenrechten und dem freien Zugang zu Ideen und Meinungen in Forschung und Lehre.

Prof. Peter Euler (Fachgebiet Allgemeine Pädagogik/Pädagogik der Natur- und Umweltwissenschaften), Homepage, 12.2.2014

Die Herausforderung:

Die nur scheinbar unausweichliche Bildungsreform der letzten Jahrzehnte bedarf einer Korrektur, die sich auf einen kritisch reflektierten Bildungsbegriff stützt.

Aus der Diskussion:

Was in manchen Ohren wie ein rückwärts gewandtes Insistieren auf klassische Bildungsideale klingt, entspricht dem Ansatz der prominent besetzten Gesellschaft für Bildung und Wissen. Sie widmet sich an erster Stelle der „kritischen Aufarbeitung der politischen und ökonomischen Übergriffe auf das Bildungssystem“ und bietet zweitens eine „theoretischen Auseinandersetzung mit den Begriffen, Zielen, Inhalten, Methoden und Modellen der aktuellen Bildungsreform“ (www.bildung-wissen.eu). Dabei geht es auch um die gesellschaftliche Funktion von Hochschulen, die nicht nur zu nachfrage- und marktgerechten Ausbildungsbetrieben werden, sondern tendenziell auch in der Forschung die Orientierung auf die Wahrheit zugunsten einer Orientierung am Markt zurückstellen. Die heutige Wissensgesellschaft mag verlangen, dass mehr und mehr Studierende einen möglichst nutzbringenden Hochschulabschluss erwerben. Ist es elitär, gegen diesen Trend einen Bildungsbegriff ins Feld zu führen, der auf Praxis und Sachwissen zielt, und dabei die Praxis der wissenschaftlichen Wahrheitssuche klar unterscheidet von Berufsanforderungen, die in einer Lehre oder an Berufsfachschulen vermittelt werden?

Perspektiven:

Wo es nicht um bloße Kompetenzvermittlung gehen soll, lassen sich Zugänge zu Forschungsproblemen aus wissenschafts- und technikhistorischer Perspektive rekonstruieren – mit besonderem Gewicht auf Entstehungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhänge, die politisch-ökonomische Prozesse und Fragen gesellschaftlicher Verantwortung notwendig einschließen. So findet sich die Forschung auch im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich im Zusammenhang großer Interdisziplinarität.

 

Sommersemester 2013

Dr. Andreas Gelhard (Forum interdisziplinäre Forschung) Homepage, 24.04.2013

Die Herausforderung:

Wie lässt sich „Freiheit der Forschung“ sinnvoll auf die Zusammenarbeit an einer Universität – und insbesondere die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Disziplinen – beziehen?

Aus der Diskussion:

Die gegenwärtige Neigung, Fragen der Forschungsfreiheit vor allem als ethische Fragen aufzufassen – „Was darf Forschung?“ – führt nicht weiter. Auch ein bloßer Verweis auf die Humboldtsche Basisforderung nach Freiheit von staatlichen Eingriffen (bei voller staatlicher Finanzierung) wäre unter den derzeitigen Bedingungen wenig erfolgversprechend. Eine wirkliche Herausforderung bleibt aber Humboldts Versuch, das Verhältnis des Frei-Lassens, in dem er Staat und Universitäten sieht, auch auf das „Zusammenwirken“ der Forscher innerhalb der Universität auszudehnen. Gerade die Praxis der interdisziplinären Arbeit zeigt, dass sich Zusammen Forschen weder einfach nach dem Muster industrieller Arbeitsteilung organisieren lässt, noch je dem Ideal einer großen Forscherfamilie mit einer gemeinsamen Sprache entsprechen wird. Gefordert ist daher eine Form von Zusammenarbeit, in der sich die Beteiligten über die gemeinsame Sache verständigen können, ohne die je eigene Sprache und fachliche Identität aufgeben zu müssen und ohne den Sinn für die nicht planbare Dynamik innovativer Prozesse zu verlieren. Genau diese Form von Zusammenarbeit versucht Humboldt in seiner bekannten Denkschrift von 1810 zu formulieren: Weder bloß geplante Arbeitsteilung noch glückliche Symbiose der Wissbegierigen, sondern ein freies „Zusammenwirken“ der Forschenden, das sich nur bottom up – aus den geteilten Fragestellungen – ergeben kann.

Können wir auf Interdisziplinarität hoffen, die an dem kritischen Selbstverhältnis der Universität anknüpft – in einer Zeit, da Interdisziplinarität vor allem eine Forderung an die innovative Nützlichkeit der Forschung ist? Muss die Idee der Universität als kritischer Instanz ausdrücklich reflektiert und kultiviert werden, damit nicht etwa „Freiheit der Forschung“ mit „Wertfreiheit der Forschung“ gleichgesetzt wird? Und welche Rolle können hierbei Analysen kontroverser wissenschaftlicher Forschung spielen?

Perspektiven:

Das programmatische Selbstverständnis des FiF als „offene Plattform“ verweist auf das Humboldtsche Ideal eines freien Zusammenwirkens der Forscher, das sich nur aus deren eigener Arbeit entwickeln kann und daher eher moderierende als regulierende Unterstützung braucht. Gerade weil das FiF klein ist, kann es diese Aufgabe sehr effektiv und beweglich angehen. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Impulsen der FiF-Fellows und der Kooperation mit anderen inner- und außeruniversitären Forschergruppen zu (darunter IANUS, SciCore, KOM und UKP, aber auch Institute, Forschergruppen und Graduiertenkollegs in Frankfurt, Oldenburg, Zürich, Wien und Blacksburg).

Prof. Barbara Drossel (Physik) Homepage, 8.05.2013

Die Herausforderung:

Lassen sich die Tugenden der Grundlagenforschung weiterhin behaupten?

Aus der Diskussion:

Zu den Tugenden des um theoretische Welterkenntnis bemühten Forschers gehören Bescheidenheit, Ehrlichkeit, entsagungsvolle Ausdauer, staunende Neugier, Korrekturbereitschaft, Gemeinschaftsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Obwohl es immer schwer war, in diesem Sinne wirklich tugendhaft zu forschen, definieren diese Tugenden doch so etwas wie eine Grundorientierung der Wissenschaft. Heute steht dagegen eine andere Grundorientierung, die weniger entsagungsvoll ist – möglichst gut vernetzt sollen Forscher sein, mit möglichst vielen Publikationen und Drittmitteln, und durchaus unbescheiden betreffs der Probleme, die die Forschung wird lösen können. Handelt es sich hier um einen Konflikt unterschiedlicher Forschungskulturen? Oder können wir uns darauf verlassen, dass eine rein theoretische Forschung mit ihren Tugenden immer notwendig bleiben wird?

Perspektiven:

Insbesondere in der Kommunikation mit (noch-)Nichtwissenschaftlern käme es darauf, die Wertvorstellungen der Grundlagenforschung zu vermitteln, statt immer nur die Versprechungen neuer Technologien darzustellen.

Prof. Josef Wiemeyer (Sportwissenschaften) Homepage, 22.05.2013

Die Herausforderung:

Wie lässt sich festhalten an einem nutzbringenden Forschungsprojekt, das zunächst nicht für seriös und förderungswürdig befunden wird?Lassen sich die Tugenden der Grundlagenforschung weiterhin behaupten?

Aus der Diskussion:

Nicht nur in sportwissenschaftlichen Zusammenhängen können neue Erkenntnisse über den Einsatz von Simulationsspielen, den „serious games“ gewonnen werden. Dass Spielen eine zweckfreie Tätigkeit ist, die unter Voraussetzung transparenter Regeln ergebnisoffene Entwicklungsmöglichkeiten bietet, spricht für die Nähe von Spiel- und Wissenschaftskultur. Andererseits wird Spiel mit mangelnder Ernsthaftigkeit assoziiert und werden Computerspiele angesichts von Millionengeschäften und hohen Entwicklungskosten nicht mehr als zweckfreie Tätigkeit gesehen. Hier gibt es Vorbehalte gegenüber den Grenzen kompetenter Universitätsforschung, die durch die Entwicklung von Prototypen abgebaut werden müssen. Dabei reicht es nicht, für den Erkenntnisgewinn zu argumentieren. Reicht der praktische Nutzen der „serious games“, um die Sorge zu entkräften, dass sie zu einem guten Zweck an genau die gleichen Impulse appellieren, die auch zur Spielsucht führen? Umgekehrt könnten „serious games“ ein Korrektiv zu der Erfahrung des „Übermenschlichen“ und „Unverletzlichen“ darstellen, die in vielen kommerziellen Computerspielen vermittelt werden.

Perspektiven:

Das wissenschaftliche Interesse an „serious games“ nimmt viele weitere Formen an – es würde sich lohnen, die Bandbreite der unterschiedlichen Wechselbeziehungen zwischen Forschungspraxis und Spielkultur kritisch auszuloten.

Prof. H. Ulrich Göringer (Biochemie) Homepage, 5.06.2013

Die Herausforderung:

Wie kann Forschung produktiv gegensteuern, wenn als Nischenforschung definiert wird, was großen Bevölkerungsgruppen zu Gute kommt, die weit entfernt leben von unserer alltäglichen Lebenswirklichkeit? Ist es nicht Aufgabe insbesondere von Universitäten, solche „Nischenforschung“ zu verfolgen?

Aus der Diskussion:

Die größten weltweiten Herausforderungen liegen in der Bewältigung von Problemen, die die Mehrzahl der Menschen betreffen, also gerade nicht in den Problemen besonders kaufkräftiger Menschen. Für die Identifikation dieser Probleme und der Rahmung von Lösungsansätzen bietet sich beispielsweise eine Orientierung an den Arbeiten der Weltgesundheitsorganisation WHO an. So können überlebenswichtige diagnostische Verfahren entwickelt werden, die billig in technische Infrastrukturen eingebettet sind, die vor allem aus Cola Cola Automaten, Handys und Toyata Cruiser Geländewagen bestehen. Wenn Pharmafirmen diese Märkte als relativ uninteressant ausgrenzen, müssten DFG und öffentlich finanzierte universitäre Forschung nicht dezidiert dagegen halten?

Perspektiven:

Hilfreich wäre die Einrichtung eines eigenen Fonds, der wie an anderen Universitäten speziell dafür eingerichtet wird, abgelehnte Projektanträge zu unterstützen. Gerade auch an einer technischen Universität sollte es ein besonderes Augenmerk für die Entwicklung effizienter Lo-Tech geben. Neue Lehrveranstaltungskonzepte (z.B. eine Ringvorlesung mit hier entwickelten „best practice“ Modellen für „value sensitive design“ im Sommersemester 2014) sollten das Bewusstsein für die Möglichkeit alternativer Arbeitsweisen stärken.

Prof. Michael Waidner (Informatik) Homepage, 19.06.2013

Die Herausforderung:

Wenn gute technische Lösungen für wichtige Probleme zur Verfügung stehen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch gewollt werden. Dazu müssen auch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Zusammenhänge verstanden und beeinflusst werden.

Aus der Diskussion:

Angesichts der Problemfelder Datensicherheit und Privatsphärenschutz sollte man meinen, dass wenigstens Datensicherheit eine hohe Priorität einnimmt. Aber selbst hier wirkt sich das Allmendeproblemaus: Gerade weil Sicherheit von allen gewollt wird, habe einzelne Entwickler und Firmen wenig Anreiz, dafür Verantwortung zu übernehmen. Verschärft wird dies durch unklare Rechenschafts- und Haftungspflichten. Die Versuchung ist groß, bloße Konformität mit Vorschriften schon für „Sicherheit“ zu halten. Sicherheitslücken ergeben sich oft aus dem Zusammenspiel von Technik und Nutzern, z.B. wenn die Sicherheitstechnik komplizierte Passwörter verlangt, die sich Nutzer nicht merken können und aufschreiben müssen.Im Gegenzug befasst sich die Forschung zur IT-Sicherheit mit gesellschaftlichen Trends, mischt sich beratend in die europäische und staatliche Gesetzgebung ein.

Perspektiven:

Eine möglichst umfassende Diskussion wird über Projekte wie EC SPRIDE (Security and Privacy by Design) in die Forschungseinrichtungen hineingeholt. Beispielhaft hierfür ist die Ringvorlesung Privacy by Design in diesem Semester, ein mit IANUS und der Informatik konzipierter Workshop zu Cybersecurity, die Beteiligung an dem von Johannes Buchmann herausgegebenen acatech Bericht Internet Privacy: Eine multidisziplinäre Bestandsaufnahme oder der Fraunhofer SIT Trend-und Strategiebericht Entwicklung sicherer Software durch Security by Design.

Prof. Liselotte Schebek (Fachgebiet Industrielle Stoffkreisläufe) Homepage, 3.07.2013

Die Herausforderung:

Wie lassen sich nachhaltige Problemlösungen unterscheiden von bloßen Problemverschiebungen?

Aus der Diskussion:

Am Beispiel Entschwefelung lässt sich zeigen, dass auch eine kluge Umweltpolitik gemeinsam mit intelligenter Technik neue Probleme erzeugt: Nach dem Erfolg der Entschwefelungsanlagen kam der erfolgreiche Umgang mit dem rückgewonnenen Schwefel, der in Gips als Baustoff Verwendung fand, jetzt aber im Baumüll wieder zum Problem wird. Das Beispiel Biokraftstoff führt einen Schritt weiter und zeigt, wie viel an der Wahl der relevanten Maße und Parameter hängt: Wer den CO_2 Ausstoß einer „Kilowattstunde“ betrachtet, sieht die Vorzüge des Biokraftstoffs sofort. Wer sich aber überlegt, wo der erforderliche Biokraftstoff herkommen könnte, stößt nicht nur auf eine problematische Ökobilanz, sondern findet womöglich heraus, dass es nicht einmal zu der erhofften Reduktion des CO_2 Ausstoßes kommen würde. Aber auch bei der Berechnung von Stoffkreisläufen gibt es zahlreiche methodische Probleme, u.a. betreffs der Verfügbarkeit von Daten.

Perspektiven:

Das Problem, wie die heutigen Wissenschaften von Daten zu Wissen gelangen, stellt sich in vielen Fachgebieten. Dem entsprechend gälte es einmal die Strategien der Datenreduktion, der Sammlung von vornherein nur relevanten Daten, der informativen Darstellung von Datensätzen vergleichend zusammenzuführen und zur Diskussion zu stellen.

Prof. Regina Bruder (Mathematik) Homepage, 17.07.2013

Die Herausforderung:

Didaktik der Mathematik muss sich als eigene Disziplin mit eigenem Fachgedächtnis behaupten, um ihre Modelle des Erkennens und Verstehens durch empirische Forschung konsequent weiterentwickeln zu können.

Aus der Diskussion:

Neben der reinen Mathematik und der Ingenieursmathematik gilt die Schulmathematik seit Adam Riese als Randerscheinung. Dies wird verstärkt durch die Tatsache, dass die Schule als Versuchsfeld für didaktische Experimente aufgefasst wird, wobei immer wieder „neue“ Ansätze ausprobiert werden, die sich bei näherem Hinsehen als Pendelbewegungen zwischen altbekannten Positionen erweisen – vor einigen Jahren sollten Fähigkeiten geschult werden, jetzt geht es um Kompetenzentwicklung und niemand fragt, was eigentlich der Unterschied zwischen Fähigkeiten und Kompetenzen sei. Und immer wieder schwingt das Pendel zwischen der Betonung des Zählens oder Rechnens zur Betonung des Anschauens und Denkens. Äußerliche Interventionseffekte wie ökonomische Anforderungen und technische Innovationen bedingen diese Pendelbewegungen – wie wichtig ist es eigentlich, mit dem Computer rechnen zu können?

Perspektiven:

Ein Forum für Fortbildungen und insbesondere thematische Weiterentwicklungen ist www.math-learning.com. Im Vordergrund steht die Idee mathematischen Argumentierens, stehen Identifizieren und Realisieren als unterschiedliche Begründungsstrategien – und somit auch interdisziplinär fruchtbare Fragestellungen.

 

Wintersemester 2012/13

Prof. Beatrix Süß (Biologie) Homepage, 7.11.2012

Die Herausforderung:

Leistungsorientierte Publikationskultur – auf der Suche nach verantwortlichen Umgangsweisen mit dem Anpassungsdruck.

Aus der Diskussion:

Im schlimmsten Fall werden Ergebnisse gefälscht, um in den richtigen Zeitschriften publikationswürdig zu erscheinen. Aber auch der Normalfall hat viele Schattenseiten: Wo der Hirsch-Index und Impactfaktoren unmittelbar in die Karriereplanung und die finanzielle Ausstattung von Fachgebieten eingehen, steht die Forschung unter dem permanenten Druck, Optimierungsstrategien zu verfolgen. Sind viele kleinteilige Publikationen besser als wenige besonders gehaltvolle? Wer soll in die Autorenliste aufgenommen werden und wie kommen Doktoranden vor, damit gerade auch sie die Publikation für sich anrechnen können? Und was bedeutet das für grenzgängerische Forschung – die Biologin, die sich mit dem Mediziner verbündet, kann ihren Impactfaktor erhöhen, nicht aber der Physiker, der mit dem Friedensforscher zusammenarbeitet.

Perspektiven:

Das Thema verdient wenigstens eine Forumsveranstaltung zum “gläsernen Wissenschaftler”, dessen wissenschaftliches Profil sich angeblich ganz aus Zitationsvernetzungen erschließen lässt. Und damit der Anpassungsdruck nicht einfach an sie weitergegeben wird, müssten Doktoranden alternative Umgangsweisen damit kennenlernen. Und nicht zuletzt sollte uns Frau Süß gelegentlich etwas über Verantwortungsaspekte speziell der synthetischen Biologie berichten.

Prof. Burkhard Kümmerer (Mathematik) Homepage, 21.11.2012

Die Herausforderung:

Zahlen sind Sache der Mathematik, aber haftet die Mathematik auch für den Missbrauch der Zahlen?

Aus der Diskussion:

Was die Zahlen eigentlich sind und was sie bedeuten, darum drückt sich eine moderne Mathematik, die Form von Inhalt trennt. So gibt die mathematische Definition der Zahl nur die Regel an, der gehorchen muss, was eine Zahl sein will. Eine derartig formale Auffassung produziert ein distanziertes Verhältnis. Der gesellschaftliche Umgang mit Zahlen gerät dabei leicht aus dem Blick – Rangordnungen, Gewichtungen und Bewertungen aller Art – PISA, IQ und MIR-Modell. Der mathematische Blick auf einen nach Goldmedaillen geordneten Medaillenspiegel erkennt darin die absurde Annahme, dass auch eine unendliche Anzahl von Silbermedaillen keine Goldmedaille aufwiegen kann – gehört es zur Verantwortung des Mathematikers, dieses absurde Verständnis sportlicher Leistung aufzudecken und zu monieren? Dass hier die fachliche Kompetenz und nicht nur eine gute mathematische Allgemeinbildung gefragt ist, ergibt sich in natur- und technikwissenschaftlichen Forschungszusammenhängen. Wo Algorithmen in Instrumenten verbaut werden, arbeiten Zahlen auf eine Weise, die oft auch für die Forscher nicht mehr nachvollziehbar ist. Könnte selbst die Mathematik überfordert sein, hier noch Transparenz und kritische Umgangsweisen zu ermöglichen?

Perspektiven:

Insbesondere die hochschuldidaktischen Fragen bedürfen weiterer Diskussion. Den verantwortlichen Umgang mit Zahlen müssen alle lernen, die Tatbestände öffentlich darstellen wollen. Einerseits gibt es hier kein einfaches richtig oder falsch, andererseits müssen die getroffenen Entscheidungen und ihre Konsequenzen kritisch nachvollziehbar sein. Eine Aufgabe für weitere interdisziplinäre Gespräche.

Prof. Oliver Gutfleisch (Materialwissenschaft) Homepage, 5.12.2012

Die Herausforderung:

Kann das Streben nach Effizienzsteigerung für Materialien in erneuerbaren Energien in Einklang gebracht werden mit einer nachhaltigen Verfügbarkeit der hierfür nötigen Gewürzmetalle, z. B. den Seltenen Erden in Magnetwerkstoffen?

Aus der Diskussion:

Um dieser Herausforderung zu begegnen, müssen viele, auch unterschiedliche Ansätze zusammenwirken. Eine Strategie heißt bessere Materialien, in denen der Anteil Seltener Erden reduziert ist. Eine andere heißt design for recycling, das die Rückholbarkeit Seltener Erden von vornherein in die Produktentwicklung integriert. Dann urban mining, hier werden Rohstoffe aus Produktionsabfällen, end-of-life Anwendungen und Deponien wiederverwendet. Aber es bedarf auch wirtschaftlicher Anreize für eine Güterabwägung, wonach wir eine niedrigere Performanz in Kauf nehmen könnten, wenn wir dafür ressourcenschonender verfahren können. Dem entsprechend interdisziplinär wird das Problem bearbeitet: Ökonomie, die Kulturwissenschaft mit ihren Stoffgeschichten, Elementgeographien in Raum und Zeit, natürlich Materialwissenschaft und Nanotechnologie und die Umweltwissenschaften. Aber bleibt von all dem unberührt, dass größere Effizienz bisher immer nur zu größerem Verbrauch geführt hat? Und können wir Prof. Julian Allwood folgen, der eine andere Effizienzvorstellung vertritt, wenn er zugespitzt fordert: “stop making new materials”? Oder sollten wir schlicht die Ressourceneffizienz und das Streben nach reduzierter Komplexität an den Beginn der Wertschöpfungskette der Materialentwicklung stellen?

Perspektiven:

Der Wissens- und Informationsbedarf ist längst nicht gestillt, sondern steht hier am Anfang. Die formulierte Herausforderung betrifft viele Forschungszweige, auch an der TUD. Was hieße es, diese Erkenntnis und z.B. das design for recycling in alle Forschungs- und Entwicklungsbereiche hineinzutragen? Eine Ringvorlesung im Sommersemester 2014 stellt die Frage allgemein, wie Wertvorstellungen und Vorsorgeprinzipien in den Entwicklungsprozess integriert werden können. Aber hoffentlich müssen wir auf die Fortführung der Diskussion so lange nicht warten.

Prof. Manfred Hampe (Maschinenbau) Homepage, 19.12.2012

Die Herausforderung

wurde schon 1947 in Darmstadt formuliert und besteht weiterhin: Ingenieure tragen Verantwortung für das Wohlergehen zahlloser Menschen, aber wie kann ein Bewusstsein für diese Verantwortung in Ingenieurstudiengängen entwickelt und gestärkt werden?

Aus der Diskussion:

1947 findet in Darmstadt ein Internationaler Kongress für Ingenieur-Ausbildung (IKIA) statt www.tu-darmstadt.de/universitaet/profil_1/profil_geschichte/verantwortung/thema_verantwortung_k01.de.jsp . Kurz nach dem Krieg wird die Frage nach der Verantwortung des Ingenieurs in der Gesellschaft gestellt und wie der angehende Ingenieur in seiner Ausbildung darauf vorbereitet wird. 1978 folgte IKIA 2, aber die Fragen von 1947 sind immer noch nicht beantwortet, und die starren Rahmenprüfungsordnungen lassen kaum Raum für Nichtfachliches. So groß ihr Einfluss auf menschliche Lebensumstände auch sein mag, sind die meisten Ingenieure nicht mit Namen und Gesicht in der Gesellschaft präsent. Der Schritt in die öffentlich wahrgenommene Verantwortung und zu einem öffentlich vertretenen eigenen Standpunkt ist ein Schritt aus der Anonymität heraus. Einerseits vertrauen Ingenieure darauf, dass Technik für die Gesellschaft unverzichtbar ist. Und doch ist umgekehrt nicht selbstverständlich, dass die Gesellschaft der Technikentwicklung vertraut. Als vertrauenswürdig erweisen sich Ingenieure, die ihren Standpunkt kenntlich machen und andere Standpunkte anerkennen. Dazu gehört auch, die Frage nach dem Einfluss des einzelnen Ingenieurs auf die Technikentwicklung zu reflektieren.

Perspektiven:

Mit dem Bologna-Prozess haben sich die Hochschulen deutlich mehr Gestaltungsfreiheit für ihre Studiengänge erstritten. Aber haben sie sie auch genutzt, um zeitgemäße Studiengänge zu entwickeln? Was müssen Ingenieure können, um nicht nur neue Produkte zu entwerfen, sondern ihre Entwürfe auch in der Gesellschaft durchzusetzen? Die Studierenden sind ins Zentrum des Handelns gerückt: Sie müssen lernen, wie sie als künftige Ingenieure neue Produkte und große Projekte in einer technikskeptischen Gesellschaft zuverlässig realisieren – ein Anlass für eine dritte IKIA-Tagung vom 18. bis 20. Juli 2016: Eine Bestandsaufnahme und ein Ausblick auf eine zeitgemäße Ausbildung von Ingenieuren, die ihre Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen. Auf dem Weg dahin sollte die begonnene Diskussion an der TU fortgesetzt werden.

Prof. Markus Lederer (Politikwissenschaft, jetzt in Münster) Homepage, 16.01.2013

Die Herausforderung

Wie lässt sich ein kompliziertes Phänomen wie das des Klimawandels überhaupt vermitteln?

Aus der Diskussion:

Das Problem des Klimawandels ist kompliziert, weil es einer gleichermaßen naturwissenschaflticher und sozialwissenschaftlicher Beschreibungen bedarf. Eine weitere Komplikation tritt hinzu, weil das Wissen allein nicht hilft. Es müssen attraktive Handlungsoptionen aufgezeigt werden. Auch die Handlungsoptionen müssen jedoch differenziert vermittelt werden. Der bessere Verbraucher mag sich gut fühlen, wird aber wenig ausrichten können. Vielmehr bedarf es einer experimentellen Einstellung zu institutionellen, planerischen, politischen Ansätzen. Empathie, Humor und Interdisziplinarität tragen dazu bei, eine solche Einstellung auszubilden. Alarmismus und Vorurteile (z.B. über den „bösen“ Norden und den „guten“ Süden) können abgebaut werden, wenn Studierende mit städteplanerischen Experimenten in den arabischen Emiraten oder mit umweltpolitischen Initiativen in Nordafrika konfrontiert werden.

Perspektiven:

Hier bedarf es eines Erfahrungsaustauschs der zum Klimawandel Lehrenden, etwa zum Wert von studentisch durchgeführten Simulationsexperimenten. Die interdisziplinären Studienschwerpunkte bieten hierfür ein geeignetes Forum.

Prof. Iryna Gurevych (Informatik) Homepage, 30.01.2013

Die Herausforderung

Um die Informationsflut im Web sinnvoll zu bewältigen, müssen Suchmaschinen eine automatisierte Wissenserschließung ermöglichen – aber wie soll das gehen ohne gleichzeitige Verschlechterung kognitiver Eigenleistungen der Nutzer? Wie lässt sich automatisierte Wissenserschließung mit Anforderungen an die Lernprozesse vereinbaren?

Aus der Diskussion:

Wer heute an Suchmaschinen denkt, der denkt vornehmlich an Google. Neben der Unterstützung bei der Bewältigung der Informationsflut existieren nicht wenige Missbrauchsmöglichkeiten dieser Technologien. Auch sehr viel weiter entwickelte Suchmaschinen können sich als ambivalent erweisen, wenn sie beispielsweise Begriffsverwandtschaften zu erkennen vermögen und Texte auf ihre zentralen Aussagen hin zusammenfassen. Sie können zu einer Schwächung des Lernverhaltens führen, was sich beispielsweise durch Studium der Blickbewegungen untersuchen lässt oder was sich durch nachgeschaltete Wissenstests als oberflächliche kognitive Verarbeitung erweist. Hier treten positive Bewertungen in der Nutzerzufriedenheit zu einer negativen Bewertung nach objektiven Messungen des Lernerfolgs.

Perspektiven:

Ein differenziertes Problembewusstsein bedarf der Zusammenarbeit von Lernforschung und Neurobiologie, Informationswissenschaft, Bildungsforschung sowie Medienpädagogik und Psychologie. Die Universität und die jüngst begonnene institutionelle Kooperation zwischen der TU Darmstadt und dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt bieten ein hervorragendes Experimentierfeld, um den Zusammenhang von Suchverfahren, Konzentrationsleistung und Lernerfolg unter dem Stichwort „Virtualisierung von Bildungsprozessen“ zu untersuchen.

Prof. Peter Buxmann (Wirtschaftsinformatik) Homepage, 13.02.2013

Die Herausforderung

Wenn wir im Internet unterwegs sind, hat auch das Kostenlose seinen Preis. Welchen Beitrag kann die Erforschung von Geschäftsmodellen und Nutzereinstellungen leisten, um einen umsichtigen Umgang mit den Angeboten zu ermöglichen?

Aus der Diskussion:

Dies ist ein Beispiel dafür, wie sich die Gelegenheit zu gesellschaftlich verantwortlicher Forschung erst im Laufe der Zeit ergibt – in diesem Fall auf Grund der Nachfrage zum Beispiel von Schulbuchautoren und Radiosendern. Wenn Nutzer gefragt werden, was sie davon halten, mit ihren privaten Daten für den Zugang zu vielen Angeboten zahlen zu müssen, antwortet eine große Mehrheit, dass sie dies zwar nicht in Ordnung findet, dass es aber offenbar so sein müsse. Verbirgt sich hinter dieser Auskunft eine kritische Haltung oder ist sie vor allem Eingeständnis einer nicht weiter hinterfragten Notwendigkeit des Mitmachens? Spricht hier der ermächtigte oder entmächtigte Konsument? Dies ist wichtig für die Entwicklung alternativer Angebote, die die Privatsphäre von Nutzern besser schützen, aber vielleicht kein so großes Netzwerk bieten.

Perspektiven:

Wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, sind Entwickler und Forscher, sind Recht und Politik, sind Anbieter und Verbraucher gefordert. Das Zusammenspiel dieser Akteure sollte näher betrachtet werden – einen Anfang macht die Ringvorlesung „Schutz der Privatsphäre – ‚Privacy by Design‘ als technisches und gesellschaftliches Konstruktionsprinzip“ (SS 2013, mittwochs um 16:15).